Paradoxon: Wenige Krankheitstage

IT-Fachkräfte am gesundheitlichen Limit: Wirtschaftlicher Druck und KI-Skepsis

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Der Gesundheitszustand von IT-Fachkräften im deutschsprachigen Raum hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Laut der Golem-Health-Studie 2026 sieht sich nur noch eine Minderheit der Beschäftigten als mental und körperlich fit an.

Die IT-Branche, lange Zeit das Zugpferd der modernen Wirtschaft, zeigt tiefe Risse in ihrem wichtigsten Fundament: der Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Die Ergebnisse der Health-Studie 2026 von Golem zeichnen das Bild eines Berufsstandes, der unter dem Gewicht struktureller Probleme und einer anhaltenden wirtschaftlichen Flaute langsam zusammenbricht. Für die Untersuchung wurden zwischen November 2025 und Januar 2026 insgesamt 2.334 IT-Angestellte detailliert zu ihrem Wohlbefinden und ihrem Arbeitsumfeld befragt. Der Abwärtstrend, der bereits im Jahr 2023 einsetzte, hat sich enorm beschleunigt.

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Wirtschaftliche Unsicherheit als Krankheitsbeschleuniger

In den vergangenen Jahren war die IT-Welt geprägt von Wachstum und Optimismus. Doch nun ist die Stimmung gekippt. Viele Unternehmen kommen nicht aus dem wirtschaftlichen Tief heraus, was unmittelbare Folgen für die Belegschaft hat. Ausbleibende Boni, gestrichene Prämien und ein zunehmend angespanntes Betriebsklima sind zur neuen Normalität geworden. Diese ökonomische Unsicherheit wirkt wie ein Katalysator für gesundheitliche Beschwerden. Wenn die finanzielle Belohnung für die ohnehin hohe Arbeitslast wegfällt, schwindet die Resilienz gegenüber dem täglichen Stress.

Besonders alarmierend ist die Entwicklung der mentalen Gesundheit. Nur noch jeder vierte Befragte gab an, sich psychisch fit zu fühlen. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren, im Jahr 2023, lag dieser Wert noch bei 40 Prozent. Dieser hohe Rückgang innerhalb von nur 36 Monaten deutet darauf hin, dass die psychische Belastungsgrenze in der Breite der Branche erreicht oder bereits überschritten ist. Auch der körperliche Zustand hat abgebaut. Lediglich ein Drittel der Befragten bezeichnet die eigene physische Verfassung als gut. Das ist ein deutlicher Absturz gegenüber den über 50 Prozent aus dem Jahr 2023.

Strukturelle Defizite: Termindruck und mangelnde Wertschätzung

Die Ursachen für diesen Verfall liegen tiefer als nur im wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Die Golem-Studie identifiziert klare strukturelle Mängel in der Organisation von IT-Projekten. Hoher Termindruck, eine chronisch mangelnde Wertschätzung durch das Management und oft völlig unklare Zielvorgaben zermürben die Fachkräfte. In einer Arbeitswelt, die durch agile Methoden eigentlich Flexibilität verspricht, erleben viele ITler stattdessen eine starre Tretmühle aus Deadlines und Erreichbarkeit.

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Ein neuer Faktor in der diesjährigen Studie ist die Bewertung der Künstlichen Intelligenz. Während die öffentliche Debatte oft die enorme Arbeitserleichterung durch KI-Tools hervorhebt, ist die Meinung derer, die sie implementieren und nutzen müssen, vernichtend: Neun von zehn IT-Profis sehen in der KI eher Gefahren und zusätzliche Risiken als eine tatsächliche Entlastung. Dies deutet darauf hin, dass die Einführung von KI-Systemen in den Betrieben oft ohne Rücksicht auf die Arbeitsbelastung der Angestellten geschieht oder sogar die Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust schürt.

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Das Paradoxon der Krankheitstage

Ein interessantes Detail liefert der Vergleich mit der allgemeinen Krankenstandsanalyse der DAK für das Jahr 2025. Während die Zahl der Fehltage insgesamt stabil bei etwa 19,5 Tagen blieb, stieg der Anteil der psychischen Erkrankungen allgemein um sieben Prozent. IT-Fachkräfte bilden hier jedoch ein statistisches Paradoxon: Mit durchschnittlich 11,5 Krankheitstagen melden sie sich im Vergleich zu anderen Berufen immer noch am seltensten krank.

Sicherheitsexperten und Psychologen warnen jedoch davor, diese niedrige Zahl als Zeichen für Gesundheit misszuverstehen. Vielmehr deutet sie auf einen hohen Grad an Präsentismus hin. Das bezeichnet das Phänomen, trotz Krankheit zu arbeiten. In der IT ist dies durch Homeoffice und Remote-Work besonders einfach möglich, verdeckt aber das tatsächliche Ausmaß des Burn-out-Risikos. Wer sich krank an den Laptop schleppt, erscheint nicht in der Statistik der DAK, verschlechtert aber langfristig seinen Gesundheitszustand.

Politik und Management in der Pflicht

Die Debatte über die Ursachen steigender Krankheitstage ist längst in der Politik angekommen, doch die bisherigen Lösungsansätze greifen zu kurz. Weder die Diskussion um telefonische Krankschreibungen noch Änderungen bei der Lohnfortzahlung haben laut aktueller Analyse einen messbaren Einfluss auf die tatsächliche Krankheitsentwicklung. Die Health-Studie 2026 macht deutlich, dass das Problem an der Wurzel gepackt werden muss: in der Arbeitsorganisation.

Führungskräfte in IT-Unternehmen stehen vor der Herausforderung, nicht nur technische Systeme, sondern vor allem menschliche Ressourcen nachhaltig zu managen. Burn-out-Prävention und eine echte Work-Life-Balance dürfen keine Marketing-Schlagworte sein, sondern müssen Teil der harten Unternehmenskennzahlen werden. Wenn die Fachkräfte, die die digitale Transformation vorantreiben sollen, am Limit arbeiten, gefährdet dies langfristig die Innovationskraft des gesamten Standorts.

Lisa Löw

Lisa

Löw

Junior Online-Redakteurin

IT-Verlag

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