Wer mit KI-Agenten wie Claude Code oder Cursor erfolgreich Software entwickeln will, kommt um Grundlagen der Informatik nicht herum. Das zeigt eine neue Untersuchung mit 100 Studierenden. Ausgerechnet Vielnutzer von Sprachmodellen schnitten schlechter ab.
Das Versprechen klingt verlockend: Apps und Programme entwickeln, ohne eine einzige Zeile Code zu schreiben. Tools wie Claude Code, Cursor oder Lovable sollen genau das ermöglichen. Nutzer beschreiben in natürlicher Sprache, was die Software tun soll, im Hintergrund generiert ein KI-Agent den entsprechenden Programmcode. Für diese Arbeitsweise hat sich der Begriff „Vibe Coding“ etabliert.
Eine neue Studie der ETH Zürich dämpft nun die Hoffnung, dass damit jeder ohne Vorwissen zum Softwareentwickler werden kann. Die Forscher Sverrir Thorgeirsson, Theo Weidmann und Professor Zhendong Su von der Professur für Advanced Software Technologies haben untersucht, welche Fähigkeiten tatsächlich über Erfolg oder Misserfolg beim Vibe Coding entscheiden. Das Ergebnis: Ohne grundlegende Informatikkenntnisse geht es auch mit KI nicht.
Drei Aufgaben, ein KI-Agent
Für die Untersuchung rekrutierten die Forscher 100 Zürcher Studierende, die mindestens einen Einführungskurs in Informatik absolviert hatten und bereits Erfahrung mit KI-gestütztem Programmieren mitbrachten. Die Probanden mussten mithilfe eines KI-Agenten drei Aufgaben lösen: eine bestehende App zur Mahlzeitenplanung nachbauen, eine App zur Organisation von Universitätskursen um neue Funktionen erweitern und eine abstrakte Anwendung ohne erkennbaren Zweck replizieren.
Zusätzlich verfassten die Studierenden einen kurzen Essay zu einem ihnen vertrauten Fachthema und absolvierten Tests zu ihren Informatikkenntnissen und allgemeinen kognitiven Fähigkeiten. Auf diese Weise wollten die Forscher herausfiltern, welche Faktoren tatsächlich mit dem Vibe-Coding-Erfolg zusammenhängen.
Informatikwissen schlägt Intelligenz
Den größten Einfluss auf die Qualität der Lösungen hatten laut Studie die Informatikkenntnisse der Teilnehmer. Dieser Effekt blieb auch dann bestehen, wenn die Forscher Unterschiede in den allgemeinen kognitiven Fähigkeiten herausrechneten. Da es sich um eine Korrelationsstudie handelt, lassen sich kausale Zusammenhänge zwar nicht zweifelsfrei ableiten. Die Forscher haben aber eine plausible Vermutung.
„Wir gehen davon aus, dass gute Informatiker:innen den Aufbau einer App gezielter planen und allfällige Fehler schneller beheben können. Zudem kennen sie eher relevante Fachbegriffe, um den KI-Agenten gezielter zu steuern.“
Doktorand Theo Weidmann
Schreiben wird zum Programmieren
Den zweitstärksten Zusammenhang fanden die Autoren zwischen den allgemeinen Schreibfähigkeiten der Studierenden und dem Vibe-Coding-Erfolg. Die Erklärung dafür liegt nahe: Beim Vibe Coding wird das Verfassen von Prompts selbst zu einer Form des Programmierens. „Wer seine Prompts klar und strukturiert formuliert, erzielt bessere Resultate. Unklare oder ungenaue Formulierungen führen eher zu fehlerhaften Programmen“, so Weidmann.
Überraschend war für die Forscher ein anderes Ergebnis: Studierende, die im Alltag besonders häufig Sprachmodelle einsetzen, schnitten sowohl beim Essay-Schreiben als auch beim Vibe Coding schlechter ab. Eine eindeutige Erklärung liefert die Korrelationsstudie nicht. Denkbar sei, dass häufige LLM-Nutzung die eigene Ausdrucksfähigkeit schwäche. Möglich sei aber auch, dass Studierende mit Schreibschwierigkeiten generell schneller zu KI-Tools greifen.
Für Anwender bedeutet das Ergebnis vor allem eines: Das Bild vom Programmieren ohne jegliches Vorwissen ist zumindest auf absehbare Zeit eine Illusion. Wer mit KI-Agenten ernsthafte Software bauen will, braucht weiterhin ein Verständnis dafür, wie Programme funktionieren, und sollte präzise schreiben können.