Roland Berger Trendreport

Autonome Prozesse: Wie die Verbindung von KI und ERP messbare P&L-Erfolge liefert

KI und ERP

Von der 15-fachen Reduktion der Lagerkosten bis hin zu 40 Prozent schnelleren Finanzabschlüssen: Die Verbindung von KI und ERP revolutioniert die Wertschöpfungskette.

ERP-Systeme entwickeln sich durch künstliche Intelligenz von starren Aufzeichnungssystemen zu handlungsorientierten Plattformen. Ein neuer Report von Roland Berger zeigt, wie Unternehmen durch die Verbindung von KI und ERP mithilfe von autonome Prozesse, spezialisierte KI-Agenten und vertrauenswürdige Governance massive Effizienzsprünge in Finance und Supply Chain erzielen.

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Über drei Jahrzehnte hinweg fungierten ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) primär als das „Gedächtnis“ eines Unternehmens, ein System of Record. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, Transaktionen sicher zu erfassen, Daten für Audits bereitzuhalten und die Einhaltung finanzieller sowie operativer Compliance-Vorgaben zu gewährleisten. Doch im dynamischen Marktumfeld des Jahres 2026 reicht die historische Korrektheit allein nicht mehr aus. Der aktuelle Roland Berger Report „AI and ERP – Rivals or best friends?“ verdeutlicht, dass wir uns in einer Phase des radikalen Umbruchs befinden.

Durch die Integration von künstlicher Intelligenz wandelt sich das System von einem passiven Buchungswerkzeug zu einem aktiven Business-Partner, der proaktiv agiert, Probleme erkennt, bevor sie entstehen, und Routineaufgaben autonom ausführt. Dabei ersetzt die KI den ERP-Kern nicht, sondern veredelt ihn. Das ERP bleibt das zertifizierte Rückgrat für Datenintegrität und Sicherheit, während die KI-Schicht die nötige Adaptivität und Intelligenz liefert, um operative Exzellenz auf ein neues Niveau zu heben.

Drei zentrale Treiber der Transformation

Der Wandel hin zu einer intelligenten, handlungsorientierten Plattform mit KI und ERP wird durch drei fundamentale Entwicklungen vorangetrieben:

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  1. Von manuell zu autonom: Früher hing die Effizienz eines ERP-Systems vollständig davon ab, dass Menschen Prozesse anstoßen oder Daten manuell abgleichen. In der neuen Logik interpretiert das System Situationen eigenständig und führt Aufgaben in End-to-End-Prozessen wie Order-to-Cash oder Record-to-Report autonom aus. Der Mensch rückt dabei in die Rolle des Orchestrators, der lediglich bei hochkomplexen Ausnahmen eingreift.
  2. KI als primäre Schnittstelle: Die Komplexität kryptischer Transaktionscodes und verschachtelter Menüstrukturen wird durch multimodale KI (wie SAP Joule) abgelöst. Führungskräfte und Mitarbeiter kommunizieren in natürlicher Sprache mit dem System oder laden Dokumente und Bilder hoch, die sofort verarbeitet werden. Dies senkt nicht nur die Barrieren für die Nutzung, sondern reduziert den Trainingsaufwand massiv und steigert die Akzeptanz im gesamten Unternehmen.
  3. Vertrauenswürdige Autonomie (Trusted Autonomy): Automatisierung ohne Rechenschaftspflicht wäre in einem professionellen Umfeld ein unkalkulierbares Risiko. Daher muss jede KI-Entscheidung innerhalb klar definierter Leitplanken erfolgen. Jede Handlung muss nachvollziehbar, regelkonform und auditierbar bleiben, um die Datenintegrität und Compliance zu jedem Zeitpunkt sicherzustellen.

Technologische Enabler: Agenten-Squads und neuro-symbolische KI

Drei technologische Durchbrüche machen den Übergang zum autonomen ERP-Betrieb erst möglich. Sie schließen die Lücke zwischen generischer KI und spezialisierter Unternehmens-KI:

  • Multi-Agent-Squads: Anstatt isolierter Bots setzt Roland Berger auf koordinierte Teams spezialisierter KI-Agenten. Diese Agenten arbeiten zusammen, um komplexe Workflows zu steuern. In einem Lieferketten-Szenario überwacht ein Agent die Bestände, ein zweiter die Logistik und ein dritter prüft die Kreditlimits. Tritt eine Störung auf, stoppt der Prozess nicht einfach; das Agenten-Team erarbeitet proaktiv Alternativen, wie etwa einen neuen Lieferweg, oder bittet den CFO um eine Sofortfreigabe.
  • Neuro-symbolische KI: Um das Risiko von KI-Halluzinationen, also der Erfindung falscher Fakten durch Sprachmodelle, zu eliminieren, kombiniert dieser Ansatz das Mustererkennungsvermögen von Machine Learning mit der harten Logik formaler Geschäftsregeln. Bevor eine KI eine Buchung vornimmt, wird diese automatisch gegen geltende Standards wie IFRS oder GAAP geprüft.
  • Graphbasiertes Reasoning: Herkömmliche ERP-Tabellen sind oft eindimensional. Hier wirkt die Verbindung von KI und ERP besonders stark. Moderne Systeme nutzen Wissensgraphen (GraphRAG), um Zusammenhänge zwischen Lieferanten, Materialien und Kunden in Echtzeit zu verstehen. Eine Frage wie „Welchen Einfluss hat eine Preiserhöhung von Lieferant X auf unsere Marge bei Top-Kunden?“ wird so in Sekundenbruchteilen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg simuliert.

„KI steigert die Intelligenz, aber das ERP bleibt das Rückgrat des Unternehmens – es gewährleistet Datenintegrität, Rückverfolgbarkeit, Sicherheit, Governance und Compliance-fähige Prozesse.“

Christina Gröger, Partnerin bei Roland Berger

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Messbare Steigerung der Resilienz und Effizienz durch KI und ERP

Unternehmen, die KI und ERP erfolgreich verknüpfen, erzielen laut Roland Berger beeindruckende Ergebnisse in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung. In der Supply Chain führt die KI-gestützte proaktive Steuerung zu einer bis zu 15-fachen Reduktion der Lagerhaltungskosten bei gleichzeitig verbesserten Service-Levels. Im Procurement lässt sich die Vertrags-Compliance um den Faktor 10 bis 20 steigern, da KI-Agenten jedes Angebot automatisch mit bestehenden Rahmenverträgen abgleichen. Besonders stark sind die Auswirkungen im Finance-Bereich: Die Zyklen für den Monatsabschluss verkürzen sich um 30 bis 40 Prozent, da das System Transaktionen in Echtzeit abgleicht und Abweichungen sofort erklärt, was den manuellen Abstimmungsaufwand drastisch reduziert.

Der Weg zum intelligenten ERP führt über eine klare Roadmap, bei der die Datenqualität an erster Stelle steht. KI agiert niemals in einem Vakuum; ihre Handlungsfähigkeit ist direkt an die Struktur und Sauberkeit der Daten gekoppelt, die sie konsumiert. Unternehmen müssen daher Inkonsistenzen beseitigen und klare Zuständigkeiten für Stammdaten schaffen.

Zudem ist ein KI-First-Ansatz im Prozessdesign erforderlich. Anstatt bestehende manuelle Prozesse nur punktuell zu verbessern, sollten Organisationen Prozesse vom gewünschten Ergebnis her neu denken und KI als Standard-Entscheidungslogik einplanen. Dies erfordert ein hybrides Architekturmodell: Ein stabiler S/4HANA-Kern für die Transaktionen, kombiniert mit einer agilen KI-Innovationsschicht auf Plattformen wie der SAP Business Technology Platform (BTP). So können KI und ERP bestmöglich zusammen wirken.

Autorenbild Lisa Löw

Lisa

Löw

Junior Online-Redakteurin

IT-Verlag

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