Geopolitik ist die neue Sicherheitslücke. Wer Cybersecurity nur technisch denkt, übersieht das größte Risiko. Wie sollten Unternehmen damit umgehen?
Cyberangriffe, wirtschaftliche Sanktionen und Fragen der digitalen Souveränität galten lange als klassische Themen der internationalen Politik und nationaler Sicherheitsstrategien. Sie wurden vor allem auf staatlicher Ebene verhandelt, in diplomatischen Foren diskutiert oder als Bestandteil geopolitischer Machtkonflikte betrachtet. Inzwischen sind diese Faktoren jedoch fester Bestandteil der unternehmerischen Realität geworden. Diese Faktoren wirken sich heute unmittelbar auf die IT-Infrastrukturen, digitalen Geschäftsprozesse und global verzweigten Lieferketten von Unternehmen aus. Geopolitische Spannungen, internationale Konflikte und machtpolitische Verschiebungen wirken sich heute unmittelbar auf die IT-Infrastrukturen, digitalen Geschäftsprozesse und global verzweigten Lieferketten von Unternehmen aus. Cyberangriffe, regulatorische Eingriffe oder plötzliche wirtschaftliche Sanktionen können operative Abläufe innerhalb kürzester Zeit beeinträchtigen und entfalten dabei häufig eine Dynamik, die klassische Risikomodelle und Planungsinstrumente nur unzureichend erfassen.
Vor diesem Hintergrund ist Cybersecurity längst nicht mehr ausschließlich als technische Schutzmaßnahme oder Aufgabe der IT-Abteilung zu verstehen. Vielmehr entwickelt sie sich zu einem zentralen strategischen Managementthema, das eng mit Fragen der Unternehmensführung, der Resilienz und der geopolitischen Positionierung verknüpft ist. Entscheidungen über Sicherheitsarchitekturen, Technologiepartner oder Datenstandorte sind somit auch politische und wirtschaftliche Weichenstellungen mit unmittelbaren Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit, die Haftungsrisiken und die langfristige Stabilität.
Warum Geopolitik ein IT-Risiko ist
Die digitale Souveränität bezieht sich darauf, wie Organisationen in der Lage sind, die Kontrolle über ihre Daten, Systeme und digitalen Abhängigkeiten beizubehalten. In einer globalisierten IT-Landschaft ist diese Kontrolle jedoch zunehmend eingeschränkt. Cloud-Services, Software-Stacks und Hardwarekomponenten unterliegen stets der Rechtsordnung der Länder, in denen sie betrieben oder entwickelt werden. Dadurch können politische Entscheidungen wie Sanktionen, Exportkontrollen oder regulatorische Eingriffe unmittelbare Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb haben, bis hin zum Verlust des Zugriffs auf kritische Systeme oder Services. Geopolitik wird so zu einer oft unterschätzten Sicherheitslücke.
Gleichzeitig sind moderne IT-Umgebungen stark von internationalen Lieferketten abhängig. Software-Updates, Sicherheits-Patches oder Hardware-Ersatzteile stammen häufig aus unterschiedlichen Weltregionen. Kommt es zu politischen Eskalationen, können diese Abhängigkeiten schnell zum operativen Risiko werden. Unternehmen, die ihre IT-Architektur ausschließlich nach Effizienz- oder Kostengesichtspunkten ausrichten, übersehen dabei oft die geopolitische Verwundbarkeit ihrer Systeme.
Cyberangriffe als geopolitisches Werkzeug
Cyberangriffe sind mittlerweile ein fester Bestandteil des geopolitischen Instrumentariums staatlicher Akteure. Sie dienen nicht nur der Spionage, sondern auch der gezielten Destabilisierung von Wirtschaft und Infrastruktur. Ein bekanntes Beispiel ist die NotPetya-Attacke, die ursprünglich auf Ziele in der Ukraine abzielte, sich jedoch weltweit ausbreitete und Unternehmen Schäden in Milliardenhöhe zufügte. Solche Vorfälle zeigen, dass auch Organisationen ohne direkte politische Rolle zu Kollateralschäden geopolitischer Konflikte werden können.
Eine aktuelle Bitkom-Studie belegt, dass geopolitische Spannungen die Zahl und Intensität von Cyberangriffen deutlich erhöhen. Unternehmen berichten, dass politische Risiken ihre Sicherheitsstrategien beeinflussen und sogar zu einem Wechsel von IT-Partnern oder Cloud-Anbietern führen. Damit entwickelt sich Cybersecurity von einer rein defensiven Maßnahme zu einem zentralen Bestandteil unternehmerischer Resilienz.
Regulierung als Antwort auf geopolitische Unsicherheit
Auch der regulatorische Rahmen reagiert auf diese Entwicklung. In der Europäischen Union werden die Anforderungen an Cybersicherheit und digitale Widerstandsfähigkeit durch neue Vorgaben deutlich verschärft. So erweitert die NIS2-Richtlinie den Kreis der betroffenen Unternehmen erheblich und verlangt ein systematisches Risikomanagement sowie klare Meldepflichten bei Sicherheitsvorfällen. Mit dem Digital Operational Resilience Act (DORA) steht insbesondere im Finanzsektor die digitale Betriebsstabilität im Fokus, inklusive strenger Vorgaben für den Umgang mit Drittanbietern.
Diese Regulierungen verdeutlichen einen grundlegenden Wandel: Cybersicherheit ist nicht mehr nur eine Frage technischer Schutzmaßnahmen, sondern eng mit Governance, Compliance und strategischer Unternehmensführung verknüpft. Unternehmen, die geopolitische Risiken ignorieren, riskieren nicht nur Sicherheitsvorfälle, sondern auch regulatorische Sanktionen und Reputationsschäden.
Strategien für eine geopolitisch resiliente IT
Um den neuen Risiken zu begegnen, ist klassische IT-Sicherheit nicht mehr ausreichend. Benötigt wird ein ganzheitlicher Ansatz, der technologische, organisatorische und strategische Maßnahmen verbindet. Dazu zählen beispielsweise Multi-Cloud- und hybride Architekturen, die die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern oder Regionen verringern. Ebenso wichtig ist die Diversifizierung von Lieferketten, um politische oder wirtschaftliche Störungen besser abfedern zu können.
Darüber hinaus gewinnen Business-Continuity- und Krisenpläne an Bedeutung. Unternehmen müssen nicht nur Angriffe verhindern, sondern auch darauf vorbereitet sein, den Betrieb unter geopolitisch bedingten Einschränkungen aufrechtzuerhalten. In diesem Kontext bedeutet Cyberresilienz die Fähigkeit, auch unter widrigen politischen Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben.
Sicherheit benötigt geopolitisches Denken
Die Grenzen zwischen internationaler Politik und Unternehmens-IT verschwimmen zunehmend. Geopolitische Entwicklungen beeinflussen heute maßgeblich die Sicherheit, Verfügbarkeit und Kontrollierbarkeit digitaler Systeme. Digitale Souveränität und geopolitische Resilienz sind daher keine abstrakten Schlagworte, sondern entscheidende Faktoren für Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherheit.
Unternehmen, die Cybersicherheit weiterhin ausschließlich als technische Aufgabe betrachten, laufen Gefahr, zentrale Risiken zu übersehen. Erst die Verbindung von IT-Sicherheit, strategischem Risikomanagement und geopolitischem Bewusstsein schließt die entstehende Sicherheitslücke und integriert globale Unsicherheit als beherrschbaren Teil in die Unternehmensstrategie.