Der Global Cybersecurity Outlook 2025 des World Economic Forum in Zusammenarbeit mit Accenture trifft den Nagel auf den Kopf: Die Bedrohungslage ist nicht nur gewachsen, sie eskaliert.
Cyberangriffe sind nicht mehr nur breit gestreute Störaktionen, viele davon erfolgen gezielt und werden mittlerweile von Staaten unterstützt. Künstliche Intelligenz fungiert als Katalysator – für Angreifer wie Verteidiger. Zugleich glauben 41 % der Führungskräfte, ihr Unternehmen sei gut vorbereitet. Diese Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Realität kann fatal sein. Für IT-Dienstleister ist jetzt der Zeitpunkt, um mit einem harten Realitätscheck Marktführer zu werden und ihre Kunden wirklich zu schützen.
Die Bedrohung, die wir ignoriert haben
Die Gefährdung durch Cyberangriffe wird von gleich mehreren Faktoren potenziert. Zunächst prägen geopolitische Spannungen zunehmend den digitalen Raum. Mehr als die Hälfte aller Organisationen gab an, ihre Sicherheitsstrategie aufgrund internationaler Konflikte anzupassen. Extrem raffinierte Taktiken wie generatives Deepfake-Phishing demonstrieren die Geschwindigkeit und Präzision moderner Angriffe: laut WEF nutzen fast fünfzig Prozent der Unternehmen Deepfake-Techniken, insbesondere Voice-Cloning, um Oberflächen menschlicher Kommunikation zu imitieren. Die Zahl der Deepfake-Attacken wächst explosionsartig, 2024 wurde fast alle fünf Minuten versucht, eine für gefälschte Identität zu missbrauchen, und die Betrugskosten schnellen in Richtung Milliarden.
Ein weiterer brandgefährlicher Aspekt sind die Lieferketten. Global verzweigte Anlagen und Partnerstrukturen haben einige Security-Analysen zufolge zu über 50 % bei Großunternehmen mittlerweile höchste Priorität bei Cyberrisiken. Tinystor-Updates oder Dritttools werden zum eingebetteten Einfallstor – ein echter Albtraum, wie SolarWinds exemplarisch gezeigt hat. Eine Sicherheitslücke dort kann die gesamte Kette zum Einsturz bringen.
Der gefährliche Selbstbetrug
Die zentrale Erkenntnis: Viele Organisationen fühlen sich sicher, obwohl ihre Systeme äußerst fragil sind. Kleine und mittelständische Unternehmen berichten in sieben von zehn Fällen von Defiziten bei Resilienz, während große Konzerne oft mehr Sicherheit vorgaukeln, als besteht. Der WEF-Bericht zeigt, dass dieses falsche Sicherheitsgefühl häufiger zu spät erkannt wird – oft erst, wenn der erste finanzielle oder reputative Schaden entstanden ist.
Der Glaube an Sicherheit schlummert oft in Budgets, technischen Tools oder Compliance-Zertifikaten – doch all das taugt wenig, wenn KI-gestützte Angriffe in automatisierter Geschwindigkeit rollen und menschliches Bewusstsein fehlt.
Jetzt handeln – überlebenswichtig
Für IT-Dienstleister bedeutet das: sie müssen zum strategischen Partner werden. Es reicht nicht, Technik zu liefern – es braucht einen umfassenden Realitätscheck, der Technik, Organisation und Mensch integriert. Vier Ansatzpunkte helfen dabei, das Konzept zum Leben zu erwecken:
- Im ersten Schritt müssen dreischichtige Sicherheitsmodelle etabliert werden, die Prävention, Detektion und Reaktion verzahnen. Tools wie XDR (Extended Detection and Response), automatisiertes Monitoring und klare Incident-Playbooks sichern diesen Rahmen ab.
- Lieferkettensicherheit fordert ein zweites, fortgeschrittenes Niveau: intelligente Lieferantenüberprüfung in Echtzeit, ergänzende Simulationen zur Risikoextrapolation sowie vertraglich verankerte Cybersecurity-Anforderungen stoßen eine neue Ära der Zusammenarbeit an.
- Drittens ist die beherrschte Nutzung von KI essenziell. Nicht nur Defender, auch Angreifer automatisieren ihre Strategien – deshalb müssen Dienstleister KI-Sicherheit von Kopf bis Fuß prüfen, Algorithmen transparenter machen und Governance zur Pflicht erklären.
- Viertens kann selbst modernste Technik scheitern, wenn Menschen nicht sensibilisiert sind. Deepfake-Telefonate, gezielt erzeugte Paniktexte oder gefälschte CEO-Aufrufe erfordern Szenario-Training inklusive simulierter Angriffe – gepaart mit bewusster Eskalationskultur in allen Managementebenen.
Diese vier Hebel lassen sich nicht getrennt betrachten. Ihre Wirkung entsteht, wenn sie zusammenspielen – als ein integriertes Cyberresilienz-Modell, das Unternehmen in die Lage versetzt, einen vorschnellen KI-Angriff, Drittrisiken oder Spearphishing mit realistischem Impact frühzeitig zu erkennen und der Situation Herr zu werden.
Zukunft sichern – mit Realitäts-Check
Für IT-Dienstleister ist der Realitätscheck ein entscheidender Differenzierungsfaktor. Wer ihn nicht nur anbietet, sondern aktiv vorlebt, stärkt das Vertrauen seiner Kunden. Nur wer weiß, wo er verwundbar ist, kann Gegenmaßnahmen treffen – und das in Zeiten, in denen digitale Konflikte reale Auswirkungen auf Geschäftsprozesse haben.
Der WEF-Bericht liefert das Wecksignal: Cyberrisiken sind existent, sie wachsen – und selbst heute noch offizielle Einschätzungen, die das Gegenteil behaupten, können trügerisch sein. IT-Dienstleister sind gefragt. Ihre Aufgabe ist es, nicht nur Technik zu liefern. Sie müssen zur Instanz werden, die Unternehmen durch die digitale Realität navigiert – und so dafür sorgt, dass Cybersicherheit mehr ist als ein Feigenblatt.