Eine aktuelle Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn auf Basis aktueller Eurostat-Daten zeigt: Der deutsche Mittelstand kommt beim Thema Digitalisierung spürbar voran.
Danach nutzt inzwischen rund ein Viertel der KMU in Deutschland KI-Technologien, und mehr als ein Drittel erreicht, was das Institut als eine hohe, beziehungsweise sehr hohe „digitale Intensität“ bezeichnet. Das bedeutet konkret, dass diese Betriebe mindestens sieben der zwölf Kriterien des Digital Intensity Index (DII) erfüllen. Der DII ist ein von Eurostat entwickelter Indikator, der misst, wie stark Unternehmen digitale Technologien einsetzen. Dazu zählen unter anderem Cloud-Services, KI, Big Data-Analysen, E-Commerce-Aktivitäten sowie IT-Sicherheitsmaßnahmen. Die Ergebnisse sind zunächst ein positives Signal: Digitale Tools, Cloud-Infrastrukturen und automatisierte Prozesse sind zunehmend im betrieblichen Alltag des Mittelstands angekommen.
Gleichzeitig zeigen die Zahlen deutlich, dass noch erhebliches Potenzial besteht. Denn die deutschen KMU bewegen sich lediglich im europäischen Durchschnitt, und im Vergleich zu Großunternehmen besteht weiterhin ein spürbarer Rückstand. Innerhalb Europas zählen vor allem kleine und mittlere Unternehmen aus Dänemark, Finnland und den Niederlanden zu den Vorreitern mit besonders hoher digitaler Intensität.
Auch im Hinblick auf aktuelle Zahlen von KPMG lässt die IfM-Erhebung aufhorchen. Laut der Studie zur Digitalisierung im Rechnungswesen (2025/2026) setzen bereits 53% der Unternehmen in Deutschland KI im Accounting ein oder befinden sich in der Einführung. Die Effekte sind messbar: Zeitersparnisse bei transaktionalen Tätigkeiten, höhere Prozessqualität und eine wachsende strategische Bedeutung der Finanzfunktion. Dies lässt Grund zur Annahme: Der Finanzbereich ist bei der KI-Adoption bereits deutlich weiter als der Mittelstand insgesamt. KI wird hier zunehmend zu einem wichtigen Treiber für Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit. Nicht umsonst sehen 61% der von KPMG befragten Betriebe die Technologie hier als wesentlichen Erfolgsfaktor an.
Steuer-Compliance: Wo der größte Nachholbedarf besteht
Doch wie sieht es im Bereich Steuer-Compliance aus? Das deutsche Steuersystem gilt als äußerst anspruchsvoll. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, sich in einem Geflecht aus komplexen Regelungen, fortlaufenden Gesetzesänderungen und wachsenden Datenmengen zurechtzufinden. Klassische, manuelle Compliance-Prozesse stoßen dabei schnell an ihre Grenzen, da sie zeitintensiv, fehleranfällig und nur schwer skalierbar sind. Der Digitalisierungsdruck wird zusätzlich durch den Fachkräftemangel verschärft. Über 70% der Fachkräftelücke entfällt laut dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (Kofa) auf kleine und mittlere Unternehmen. Somit ist der Fachkräftemangel mit über 281.000 fehlenden Angestellten in KMU besonders groß, was die Problematik verstärken dürfte.
Gerade in der Steuer-Compliance öffnet der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Machine Learning neue Chancen, diese komplexen Anforderungen effizient, transparent und revisionssicher zu bewältigen. Doch während KI im Rechnungswesen zunehmend strategisch eingesetzt wird, bleibt die Steuer-Compliance in vielen Unternehmen noch hinter den Entwicklungen zurück.
Genau hier liegt die entscheidende Herausforderung: Es reicht nicht, KI nur punktuell einzusetzen. Unternehmen sollten ihre Steuer- und Compliance-Prozesse ganzheitlich digitalisieren und automatisieren. Besonders im Bereich der indirekten Steuern – etwa bei der Umsatzsteuer sowie bei digitalen Melde- und E-Invoicing-Anforderungen – wird deutlich, dass zunehmende regulatorische Vorgaben nur mit integrierten, datengetriebenen und standardisierten Lösungen effizient bewältigt werden können.
Fazit
Die aktuelle Entwicklung ist ermutigend. Der Mittelstand nutzt zunehmend die Effizienzgewinne von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Doch um diese dauerhaft mit Rechtssicherheit zu verbinden und Steuer-Compliance-Abteilungen zu entlasten, muss die digitale Transformation insbesondere hier konsequent vorangetrieben werden. Betriebe, die heute in automatisierte, KI-gestützte Lösungen investieren, schaffen nicht nur Entlastung im operativen Alltag, sondern stärken langfristig Transparenz, Skalierbarkeit und letztendlich ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Autor: Greg Chapman, EVP und General Manager AvaTax, Avalara