Deutsche Unternehmen sehen digitale Souveränität zunehmend als strategische Aufgabe, sind gleichzeitig aber stark von externen Technologieanbietern und internationalen Lieferketten abhängig.
Eine Studie des Capgemini Research Institute unter 1.300 Entscheidern weltweit zeigt, dass es dabei weniger um vollständige technologische Unabhängigkeit als um Kontrolle, Resilienz und den Umgang mit kritischen Abhängigkeiten geht.
Deutschland besonders stark von digitalen Abhängigkeiten betroffen
Wie groß die Herausforderung ist, zeigt der von Capgemini entwickelte Digital Sovereignty Index. Dafür wurden 866 Organisationen in den USA, Europa und der asiatisch-pazifischen Region anhand verschiedener Dimensionen digitaler Souveränität untersucht.
Weltweit weisen demnach 86 Prozent der betrachteten Organisationen erhebliche Abhängigkeiten von ausländischen oder extern kontrollierten Lieferketten auf. In Deutschland liegt der Anteil sogar bei 94 Prozent und damit höher als in den anderen untersuchten Ländern.
Hinzu kommen weitere strukturelle Probleme: Viele Unternehmen konzentrieren sich auf wenige Technologieanbieter, verfügen nur über begrenzte Transparenz innerhalb ihrer Lieferketten und benötigen lange Zeit, um einen Anbieter zu wechseln. Im Fall einer Störung kann sich diese Kombination zu einem erheblichen Betriebsrisiko entwickeln.
Resilienz wichtiger als komplette Unabhängigkeit
Eine vollständige Loslösung von externen Technologieanbietern halten viele Organisationen ohnehin für kaum realistisch. 59 Prozent der Befragten sehen vollständige digitale Souveränität nicht als erreichbares Ziel. Stattdessen setzt sich ein pragmatischeres Verständnis durch. Zwei Drittel der Organisationen definieren digitale Souveränität als eine Form resilienter Interdependenz. In Europa liegt dieser Anteil mit 75 Prozent sogar deutlich höher als in den USA, wo 50 Prozent dieser Sichtweise folgen.
Im Mittelpunkt steht damit die Fähigkeit, kritische digitale Prozesse auch dann aufrechtzuerhalten, wenn sich politische Rahmenbedingungen verändern, Lieferketten unterbrochen werden oder einzelne Technologiepartner ausfallen.
Das Thema erreicht die Führungsetagen
Digitale Souveränität ist längst nicht mehr ausschließlich eine Aufgabe der IT-Abteilung. Für 44 Prozent der befragten Organisationen gehört sie zu den wichtigen Themen auf Vorstandsebene. Fast vier von fünf Unternehmen arbeiten bereits an einer entsprechenden Strategie oder setzen diese um. Weitere rund 20 Prozent planen eine Einführung innerhalb der kommenden zwölf Monate.
Ein wesentlicher Grund dafür ist die geopolitische Lage. Vier von fünf Befragten nennen die Widerstandsfähigkeit gegenüber geopolitischen Unsicherheiten und Betriebsstörungen als wichtigsten Treiber entsprechender Initiativen. Mehr als drei Viertel sorgen sich darum, kritische Geschäftsprozesse unter diesen Bedingungen dauerhaft aufrechterhalten zu können.
Künstliche Intelligenz ist dabei zu einem der zentralen Handlungsfelder geworden. Weltweit betrachten 75 Prozent der Unternehmen KI als wichtigen Bestandteil ihrer Souveränitätsstrategie.
Deutsche Unternehmen sehen geopolitische Risiken
In Deutschland zeigt sich die Bedeutung von Resilienz besonders deutlich. 57 Prozent der Unternehmen verbinden digitale Souveränität vor allem mit der Fähigkeit, kritische Geschäftsprozesse auch unter geopolitischem Druck aufrechtzuerhalten. 81 Prozent betrachten geopolitische Entwicklungen als Risiko für solche Abläufe.
Gleichzeitig wird das eigene Abhängigkeitsniveau offenbar nicht immer systematisch erfasst. Nur 60 Prozent der deutschen Unternehmen überprüfen ihre digitalen Abhängigkeiten regelmäßig. Weltweit liegt dieser Anteil bei 66 Prozent. Eine vollständige Erfassung der Abhängigkeiten haben in Deutschland lediglich 10 Prozent vorgenommen.
Auf Führungsebene gewinnt das Thema dennoch an Bedeutung. 45 Prozent der deutschen Unternehmen haben digitale Souveränität bereits als festen Bestandteil ihrer Board-Governance etabliert. 53 Prozent ziehen zudem die Einführung eines Chief Sovereignty Officer in Betracht.
Auch bei der KI setzen deutsche Unternehmen einen deutlichen Schwerpunkt: 82 Prozent sehen sie als zentrale Priorität im Zusammenhang mit digitaler Souveränität.
Fehlende Notfallpläne verschärfen das Risiko
Wie gut Unternehmen tatsächlich auf Ausfälle vorbereitet sind, unterscheidet sich erheblich nach Region. Von den Organisationen, die in jüngerer Vergangenheit operative Störungen erlebt haben, verfügen weltweit lediglich 42 Prozent über entsprechende Notfallvorkehrungen.
In den USA ist die Vorbereitung mit knapp zwei Dritteln vergleichsweise weit fortgeschritten. In Europa und APAC liegt der Anteil dagegen jeweils nur etwas über einem Drittel.
Damit entsteht ein Spannungsfeld: Unternehmen erkennen die Bedeutung digitaler Resilienz zunehmend, verfügen aber nicht immer über die notwendigen Strukturen, um bei Störungen schnell auf alternative Systeme, Anbieter oder Lieferketten auszuweichen.
Anbieterwechsel können mehr als ein Jahr dauern
Ein weiteres Problem ist die mangelnde Transparenz über die eigene technologische Abhängigkeit. Nur 14 Prozent der weltweit untersuchten Organisationen verfügen über eine vollständige End-to-End-Sicht auf ihre Abhängigkeiten im erweiterten Technologieökosystem.
Das erschwert nicht nur die Risikoanalyse, sondern auch konkrete Maßnahmen. Bei 36 Prozent der Unternehmen würde ein Wechsel eines kritischen Technologieanbieters nach eigener Einschätzung länger als zwölf Monate dauern. Rund jede zehnte Organisation sieht überhaupt keine realistische Alternative zu einem kritischen Anbieter.
Auch die Kosten spielen eine Rolle. Weniger als die Hälfte der Befragten wäre bereit, für ein höheres Maß an digitaler Souveränität mehr zu bezahlen. Unternehmen, die zusätzliche Ausgaben akzeptieren würden, rechnen im Durchschnitt mit einem Aufpreis von 23 Prozent.
Unterschiedliche Wege zu mehr Souveränität
Trotz regionaler Unterschiede verfolgen Unternehmen insgesamt ähnliche Grundziele. Mehr als zwei Drittel wollen digitale Souveränität durch eine Kombination aus eigenen Fähigkeiten und externer Zusammenarbeit erreichen.
Dabei unterscheiden sich die Prioritäten. In Kontinentaleuropa und APAC stehen Risikominimierung und Resilienz besonders stark im Vordergrund. In den USA betrachten 52 Prozent digitale Souveränität dagegen primär unter Compliance-Gesichtspunkten.
Für Urs Krämer, Chief Sales Officer bei Capgemini in Deutschland, bedeutet digitale Souveränität deshalb nicht die vollständige Abkehr von Technologiepartnern. Vielmehr gehe es darum, Abhängigkeiten transparent zu machen und die Kontrolle über kritische digitale Fähigkeiten zurückzugewinnen.
Für Unternehmen entsteht daraus eine strategische Aufgabe: Sie müssen festlegen, bei welchen Technologien und Prozessen externe Abhängigkeiten akzeptabel sind, wo Alternativen benötigt werden und welche Systeme im Krisenfall unabhängig weiterbetrieben werden können. Digitale Souveränität wird damit weniger zu einem Ziel vollständiger Autonomie als zu einer Frage des Risikomanagements und der langfristigen Handlungsfähigkeit.
(red/Capgemini)