Digitale Unabhängigkeit der EU

EU-Kommission vergibt 180-Millionen-Euro-Cloud-Ausschreibung an europäische Anbieter

USA Europa

Mit der Vergabe eines weitreichenden Rahmenvertrags über 180 Millionen Euro an vier europäische Konsortien will die EU die einseitige Abhängigkeit von außereuropäischen Hyperscalern aufbrechen.

Am 20. April 2026 gab die Europäische Kommission die Gewinner einer prestigeträchtigen Ausschreibung bekannt, die es Institutionen, Einrichtungen und Agenturen der EU (sogenannten Union Entities) ermöglicht, über die nächsten sechs Jahre gezielt souveräne Cloud-Dienste zu beziehen. Das Gesamtvolumen von 180 Millionen Euro unterstreicht den hohen Stellenwert, den die EU der Kontrolle über ihre eigenen Daten beimisst.

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Ein europäisches Quartett für den Datenraum

Um eine gefährliche Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter zu vermeiden und gleichzeitig die Resilienz der digitalen Infrastruktur zu stärken, hat die EU-Kommission die Aufträge parallel an vier verschiedene Konsortien vergeben. Alle ausgewählten Hauptauftragnehmer sind europäische Unternehmen, was das wachsende Vertrauen in die hiesige IT-Industrie widerspiegelt.

  1. Post Telecom: Der luxemburgische Anbieter tritt gemeinsam mit den starken Partnern CleverCloud und OVHcloud an. Insbesondere OVHcloud gilt seit Jahren als Speerspitze der europäischen Cloud-Bewegung.
  2. STACKIT: Als Cloud-Sparte der deutschen Schwarz Gruppe (bekannt durch Lidl und Kaufland) hat sich STACKIT als ernstzunehmende europäische Alternative etabliert, die besonders auf Datensicherheit und lokale Wertschöpfung setzt.
  3. Scaleway: Der französische Cloud-Anbieter unterstreicht mit diesem Zuschlag seine Position als einer der innovativsten Akteure im europäischen Ökosystem.
  4. Proximus: Das belgische Telekommunikationsunternehmen arbeitet in einem komplexen Geflecht mit S3NS (einem Joint Venture von Thales und Google Cloud), Clarence und dem KI-Pionier Mistral zusammen.

Der Cloud Sovereignty Framework: Strengere Maßstäbe als je zuvor

Die Auswahl der Anbieter erfolgte nicht allein nach wirtschaftlichen Kriterien, sondern basierte auf dem sogenannten Cloud Sovereignty Framework der Kommission. Dieser Rahmen misst die Souveränität anhand von acht zentralen Zielsetzungen. Dazu gehören strategische, rechtliche, operative und ökologische Erwägungen. Auch die Transparenz der Lieferketten, technologische Offenheit, Sicherheit und die strikte Einhaltung von EU-Gesetzen (wie der DSGVO und dem Data Act) waren ausschlaggebend.

Anbieter mussten nachweisen, dass Drittstaaten außerhalb der EU nur sehr begrenzten Zugriff auf die verwendeten Technologien und erbrachten Dienstleistungen haben. Diese hohen Hürden setzen einen neuen Standard für den gesamten Sektor und ermutigen Unternehmen, ihre Angebote an europäischen Werten und Sicherheitsnormen auszurichten.

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Ein Signal an den Markt: Vorbildfunktion der Kommission

Die großflächige Nutzung einer EU-Cloud durch die Kommission selbst gilt als Voraussetzung für die Verbesserung der digitalen Souveränität der gesamten Union. Indem die Kommission als Ankerkunde auftritt, schafft sie die nötige Planungssicherheit für europäische Provider, um weiter in hochmoderne Infrastrukturen zu investieren.

Die Ausschreibung zeigt, dass europäische Dienstleister mittlerweile qualitativ in der Lage sind, die extrem anspruchsvollen Kriterien der EU-Verwaltung zu erfüllen. Es geht dabei um mehr als nur den Speicherort der Daten. Es geht um die operative Hoheit und die rechtliche Immunität gegenüber Zugriffen durch ausländische Behörden (beispielsweise im Rahmen des US Cloud Act).

Das Tech-Souveränitätspaket

Der Rahmenvertrag über 180 Millionen Euro ist eingebettet in eine größere strategische Offensive. Die Kommission arbeitet bereits an einer aktualisierten Version des Cloud Sovereignty Frameworks, um die Bewertungsmethoden für andere Behörden und Mitgliedstaaten zugänglich zu machen.

Darüber hinaus bereitet Brüssel das Tech-Souveränitätspaket vor. Dieses Paket ist ein Bündel aus verschiedenen Gesetzgebungs- und Strategieinitiativen, die das digitale Fundament Europas absichern sollen:

  • Die Open-Source-Strategie.
  • Der Chips Act 2, um die Halbleiterproduktion weiter zu fördern.
  • Die strategische Roadmap für Digitalisierung und KI im Energiesektor.
  • Der Cloud and AI Development Act (CADA).

Besonders der CADA wird als Meilenstein erwartet. Er soll die Definition von Souveränität für Cloud- und KI-Dienste im gesamten Binnenmarkt harmonisieren. Ziel ist es, die Chancen für souveräne Angebote im öffentlichen Beschaffungswesen zu verbessern und den Markteintritt für eine vielfältigere Gruppe von Anbietern zu erleichtern.

Lisa Löw

Lisa

Löw

Junior Online-Redakteurin

IT-Verlag

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