Atmende Chips

Digitale Zwillinge: Klinische Studien ohne einen einzigen Menschen

Digitale Zwillinge

Mit dem Molekül Spiegel und Organ-Chips wird Biologie endlich berechenbar. Wie digitale Zwillinge Nebenwirkungen stoppen, bevor sie entstehen.

In den Laboren der großen Pharmaunternehmen wandelt sich das Bild: Das Klappern von Glasschalen weicht dem Summen von Hochleistungsrechnern. Der sogenannte Molekül Spiegel macht die Biologie endlich berechenbar. Erfahren Sie, wie digitale Zwillinge durch winzige Organ-Chips und virtuelle Patientengruppen die Pharma-IT grundlegend verändern und warum die wichtigste Laborarbeit künftig direkt am Server entschieden wird.

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Wer heute die Forschungsabteilungen der pharmazeutischen Industrie besucht, stellt fest, dass sich die Frontlinie der medizinischen Innovation verschoben hat. Wo früher Heerscharen von Laboranten in weißen Kitteln schweigend über Petrischalen brüteten, dominieren heute klimatisierte Räume voller Server-Racks. Wir erleben eine Entwicklung, bei der die Biologie ihre Unberechenbarkeit verliert und zu einer exakten IT-Disziplin wird. Im Zentrum steht dabei der Molekül Spiegel. Das ist ein digitales Abbild biochemischer Prozesse, das die Art und Weise, wie wir Medikamente entwickeln, von Grund auf neu definiert.

Bisher glichen diese Entwicklungen eher einem riskanten Glücksspiel mit extrem hohem Einsatz. Von etwa zehntausend untersuchten Substanzen schafft es am Ende meist nur eine einzige bis zur Marktreife. Der Weg dorthin dauert oft über ein Jahrzehnt und verschlingt Summen im Milliardenbereich. Das Hauptproblem war stets das Unbekannte: Wie reagiert eine Zelle im echten Körper auf einen neuen Wirkstoff? Bisher mussten dafür Tierversuche herhalten, doch deren Übertragbarkeit auf den Menschen ist oft lückenhaft. Der Molekül Spiegel verlagert dieses Risiko nun dorthin, wo es durch Daten beherrschbar wird. Analysten von Gartner betonen, dass diese Form digitaler Zwillinge in der Life-Science-Branche mittlerweile zur Grundvoraussetzung für künftige Wettbewerbsfähigkeit geworden ist.

Die Brauerei der Proteine: Der Bioreaktor im Visier der Sensoren

Der erste Ort, an dem dieser digitale Zwilling seine Kraft entfaltet, ist die Produktion. Moderne Medikamente, etwa gegen Krebs oder Rheuma, werden heute nicht mehr rein chemisch zusammengemischt, sondern in riesigen Edelstahltanks „gebraut“. In diesen Bioreaktoren arbeiten lebende Zellen, meist spezialisierte CHO-Zellen (Chinese Hamster Ovary), als winzige Fabriken für komplexe Antikörper. Diese Zellen sind jedoch äußerst empfindlich. Wenn der Sauerstoffgehalt im Tank nur um Nuancen schwankt oder die Temperatur minimal rutscht, stellen sie die Produktion ein oder liefern im schlimmsten Fall unbrauchbare Ergebnisse. Eine einzige verdorbene Charge kann Verluste in Millionenhöhe bedeuten.

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Hier fungiert der Molekül Spiegel als digitaler Braumeister. Er spiegelt jede chemische Regung im Inneren des Tanks in Echtzeit wider. Unzählige Sensoren füttern das Modell permanent mit Daten über pH-Werte, Glukosekonzentrationen und Stoffwechselprodukte. Das Besondere daran ist die Voraussicht: Die Software erkennt einen drohenden Kipppunkt des biologischen Systems bereits, bevor die physischen Sonden im Tank überhaupt einen kritischen Wert messen können. Die Plattform Industrie 4.0 arbeitet hier eng mit der Prozessindustrie zusammen, um die notwendige semantische Verknüpfung dieser Daten zu standardisieren. Für die IT-Leitung bedeutet das, dass die Stabilität der Datenströme vom Reaktor zum Server plötzlich genauso systemkritisch ist wie die sterile Umgebung im Labor selbst.

Organe auf dem Chip: Die Verschmelzung von Hardware und Biologie

Ein technisch noch faszinierenderer Bereich des Molekül Spiegels spielt sich auf winzigen Chips ab, die kaum größer sind als ein herkömmlicher Speicherstick. Diese „Organ-on-a-Chip“-Systeme sind kleine technische Wunderwerke der Mikrofluidik. Forscher züchten darauf menschliche Gewebezellen von Leber, Lunge oder Herz und versorgen sie über hauchdünne Kanäle mit Nährstoffen. Der Clou: Diese Zellen pulsieren, atmen und reagieren mechanisch exakt so wie ihre Vorbilder im echten Körper.

Der Molekül Spiegel nimmt die Datenströme dieser Chips auf und simuliert, wie ein neuer Wirkstoff den menschlichen Organismus durchwandert. Ein außergewöhnlicher Fakt aus der aktuellen Forschung zeigt das Potenzial: Wissenschaftler verknüpfen mittlerweile mehrere dieser Chips zu einem „Human-on-a-Chip“. So lässt sich durch digitale Zwillinge beobachten, wie ein Medikament, das eigentlich für die Heilung der Lunge gedacht ist, beim Abbauprozess in der Leber plötzlich schädliche Nebenwirkungen am Herzen auslösen könnte.

Das Wyss Institute an der Harvard University ist hier weltweit führend und liefert die biologischen Daten-Vorlagen für digitale Zwillinge. Für die IT-Infrastruktur im Hintergrund bedeutet dies eine gewaltige Last. Die enorme Menge an Bilddaten aus der Mikroskopie und die Messwerte der Sensoren müssen in physikalische Modelle übersetzt werden, was herkömmliche Datenbankarchitekturen oft an ihre Leistungsgrenzen bringt.

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Der Segen der Behörden: In-silico-Studien erhalten Gewicht

Lange Zeit wurden Computersimulationen in der Pharmawelt eher als ergänzendes Spielzeug betrachtet. Doch das hat sich grundlegend geändert, seitdem die großen Zulassungsbehörden die Zeichen der Zeit erkannt haben. Die US-Behörde FDA (Food and Drug Administration) hat mit dem sogenannten Modernization Act 2.0 den rechtlichen Rahmen dafür geschaffen, dass computergestützte Modelle und Organ-Chips offiziell als Beweismittel für die Sicherheit eines neuen Medikaments anerkannt werden können. Damit sind die „In-silico-Studien“, also Tests, die ausschließlich im Silizium der Computerchips stattfinden, im regulierten Markt angekommen.

Dabei werden virtuelle Patientengruppen erschaffen, die einen Querschnitt der Bevölkerung abbilden. Man füttert den Molekül Spiegel mit Daten über Alter, Vorerkrankungen und verschiedenen genetischen Profilen. So lässt sich am Rechner testen, ob ein Wirkstoff bei einem älteren Diabetiker anders reagiert als bei einem jungen Leistungssportler. Die FDA fordert hierfür jedoch eine absolut lückenlose Dokumentation der verwendeten Algorithmen. Für IT-Manager verschiebt sich die Verantwortung: Die Validierung der Simulationssoftware rückt auf die gleiche Stufe wie die hygienische Reinheit in der physischen Wirkstoffherstellung.

Das Kraftwerk im Hintergrund: High-Performance-Computing und Standards

Wer die Biologie durch digitale Zwillinge spiegeln will, braucht Rechenpower, die weit über das hinausgeht, was in normalen Unternehmensrechenzentren üblich ist. Die Simulation der Proteinfaltung ist eine der komplexesten Aufgaben der modernen Informatik. Ein Eiweißmolekül verbiegt und faltet sich im Körper auf eine ganz spezifische Weise, um seine Funktion zu erfüllen. Diesen Prozess digital vorherzusagen, war jahrelang kaum möglich. Heute nutzen Forscher Systeme wie AlphaFold von Google DeepMind, um diese Strukturen in Sekunden zu berechnen, wofür man früher Jahre im Labor benötigte.

Um diese gewaltigen Datenmengen, wir sprechen hier von Terabytes pro digitalem Patienten, beherrschbar zu machen, sind Standards unumgänglich. Die Industrial Digital Twin Association (IDTA) entwickelt deshalb spezifische Teilmodelle für die sogenannte Verwaltungsschale (Asset Administration Shell). Diese digitalen „Steckbriefe“ sorgen dafür, dass die Daten vom Organ-Chip nahtlos in die klinische Simulation fließen können, ohne dass beim Import Formate verloren gehen oder Informationen falsch interpretiert werden.

Sicherheit: Wenn das Molekül zum digitalen Schatz wird

Ein Punkt, der in der strategischen Planung oft unterschätzt wird, ist die Sicherheit digitaler Zwillinge. Wenn der Molekül Spiegel eines künftigen Blockbuster-Medikaments gestohlen oder manipuliert wird, steht für das Unternehmen alles auf dem Spiel. In diesen Daten steckt das konzentrierte Wissen aus jahrelanger Forschung. Ein Datenleck käme dem Verlust des Patentschutzes gleich, noch bevor das erste Medikament die Fabrik verlässt.

Moderne IT-Architekturen in diesem Sektor setzen daher verstärkt auf das Prinzip des „Federated Learning“. Dabei verlassen die sensiblen Rohdaten das jeweilige Forschungslabor nicht mehr. Nur das mathematische Modell „reist“ virtuell zwischen den Laboren hin und her, lernt dort dazu und kehrt anonymisiert zurück. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat für solche kritischen Infrastrukturen klare Vorgaben gemacht, um Manipulationen an den Simulationsergebnissen zu verhindern. Ein gehackter digitaler Zwilling könnte schließlich falsche Sicherheiten vorgaukeln, was fatale Folgen für die Patienten hätte, die später auf die Korrektheit der Simulation vertrauen.

Digitale Zwillinge: Der IT-Manager als Bio-Architekt

Für die IT-Abteilungen bedeuten digitale Zwillinge und der Molekül Spiegel und alles, was damit einher geht, eine enorme Aufwertung ihrer Rolle innerhalb des Unternehmens. Sie verwalten nun nicht mehr nur Datenbanken und ERP-Systeme, sondern die digitale Essenz des menschlichen Lebensschutzes.

Der Erfolg dieser Transformation entscheidet sich an drei zentralen Punkten: der sauberen Datenintegration über verschiedene Plattformen hinweg, der Skalierbarkeit der Rechenressourcen für massive Simulationen und der unbedingten Einhaltung regulatorischer Standards (Compliance). Wer diese Brücke zwischen Reagenzglas und Serverrack erfolgreich baut, beschleunigt nicht nur die internen Prozesse, sondern sorgt am Ende dafür, dass lebensrettende Medikamente schneller, sicherer und zielgerichteter beim Patienten ankommen. Es ist an der Zeit, die Biologie als das zu begreifen, was sie für die IT-Welt heute ist: der komplexeste und wertvollste Datensatz der Welt.

Autorenbild Lisa Löw

Lisa

Löw

Junior Online-Redakteurin

IT-Verlag

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