Nach all der Euphorie über KI-Tools macht sich bei immer mehr Menschen eine gewisse KI-Müdigkeit breit. Die Technologie hat sich innerhalb kürzester Zeit in nahezu allen Lebensbereichen breitgemacht – allen voran in der Arbeitswelt.
Gleichzeitig kommen in den Unternehmen zunehmend Zweifel auf, ob KI tatsächlich alles vereinfacht oder doch das Gegenteil der Fall ist und sie gar zum sinkenden Mitarbeiterengagement und schlechten Motivationswerten beiträgt. Arne Sjöström, Regional Director People Science EMEA bei Culture Amp erläutert, was sich hinter Friction-Maxxing verbirgt und wie der HR-Bereich davon profitiert:
„Friction-Maxxing ist ein Trend aus dem Lifestyle-Bereich, der jedoch auch großes Potenzial für die Arbeitswelt und den strategischen Einsatz von KI in Unternehmen hat. Gemeint ist ein Verhalten, bei dem man mehr kleine Hindernisse und Hürden in Arbeitsprozessen akzeptiert. Der Vorteil: Durch eine bewusste Verzögerung kann das Urteilsvermögen geschärft, das Engagement vertieft und die mentale Resilienz gestärkt werden.
Friction-Maxxing – Eine Antwort auf die Dominanz von KI
Insbesondere für Führungskräfte und das mittlere Management bietet Friction-Maxxing die Möglichkeit, produktive Reibung in Entscheidungsprozesse zurückzubringen: Durch die Rückkehr zu mehr persönlichen Begegnungen und analogen Arbeitsabläufen entstehen konzentrierte Aufmerksamkeit, psychologische Sicherheit und nonverbale Signale, die in digitalen Formaten schlicht verlorengehen. Persönliche Begegnungen ermöglichen konstruktiven Austausch und helfen Teams dabei, ein gemeinsames Verständnis von Qualität zu entwickeln. Am Ende geht es nicht darum, unnötige Hürden aufzubauen, sondern das richtige Maß an “Reibung” zu gestalten: Analoges für einen besseren Umgang mit Ambiguität, Kreativität und richtungsweisenden Entscheidungen – Digitales für die Umsetzung.
Positive Reibung kann als Gegengewicht zur KI-getriebenen Beschleunigung in der Arbeitswelt fungieren und den Fokus wiederherstellen – sei es durch das gründliche Überdenken eines Briefings oder den bewussten Wunsch nach persönlichem Austausch. Dadurch entsteht auch ein besseres Bewusstsein für den Sinn und die Relevanz der eigenen Arbeit. Wer sich Zeit zum Denken, Begegnen und Gestalten zurückerobert, ermöglicht es Teams, sich wieder mit ihrem eigentlichen Auftrag und ihren Ansprüchen zu verbinden – Qualitäten, die KI-Automatisierung allein nicht erreichen kann. Dieses geänderte Verhalten kann zu mehr Präsenz, weniger Angst und einem gestärkten Gefühl der Kontrolle führen. Der bewusst gewählte, nur vermeintlich umständlichere Weg kann somit zu mehr Autonomie und tieferer Zufriedenheit beitragen.
Ein Plädoyer für mehr analoge Ansätze und intentionale Reibung
Die Aufgabe moderner Führungskräfte ist es daher, bei menschenzentrierten Tätigkeiten bewusst so genannte intentionale Reibung herbeizuführen und gleichzeitig KI zu nutzen, um den täglichen administrativen Arbeitsaufwand zu minimieren. Unternehmen, die klar benennen, wo KI ihre Stärken hat und eingesetzt werden soll und wo menschliche Fähigkeiten wie Empathie, Urteilsvermögen und kritisches Denken unersetzlich sind, gibt Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, die wirklich zählt und echten Mehrwert schafft. Friction-Maxxing ist weniger ein Plädoyer gegen die Technologie, sondern vielmehr ein Aufruf zur Intentionalität – also zum bewussten Abwägen darüber, wann Prozesse automatisiert werden sollten und wann gerade der Widerstand den entscheidenden Unterschied machen kann.“