Steigende Belastung, Zeitdruck und fehlende Kommunikation: In vielen Betrieben sind Unfälle nicht das Ergebnis mangelnder Sicherheitsvorkehrungen, sondern psychischer und organisatorischer Überforderung. Mitarbeitende verschweigen kleine Fehler aus Angst vor Konsequenzen, bis ein einziger Moment das System zum Kippen bringt.
In vielen Arbeitsumgebungen herrscht ein Tempo, das kaum Pausen zulässt. Abläufe müssen reibungslos funktionieren, Gespräche werden auf das Nötigste reduziert und am Ende werden potenzielle Gefahren oft nicht mehr ausgesprochen. Die Risiken zeigen sich oft erst, wenn es zu einem Arbeitsunfall kommt. Denn die eigentliche Ursache liegt selten in nicht vorhandener persönlicher Schutzausrüstung oder technisch unsicheren Maschinen. Viel häufiger entstehen Arbeitsunfälle dort, wo Mitarbeiter aus Angst vor negativen Reaktionen schweigen. Wo widersprüchliche Signale dazu führen, dass Fehler lieber verdeckt bleiben, statt offen angesprochen zu werden.
Es zeigt sich heute leider noch zu häufig, dass insbesondere Beinaheunfälle, in denen jemand gerade noch einmal Glück hatte und sich nicht verletzt, nicht gemeldet werden. Genau hier beginnt allerdings Prävention im Arbeitsschutz. Umso mehr müssen sich Unternehmen fragen, warum Mitarbeiter bei Arbeits- und Beinaheunfällen still bleiben.
Die Dunkelziffer, die kaum jemand sieht
Viele Unfälle könnten verhindert werden, wenn Probleme und Beinaheunfälle frühzeitig gemeldet würden. Doch in vielen Unternehmen existiert eine erhebliche Dunkelziffer. Das gilt vor allem in Bereichen, in denen körperlich gearbeitet wird, wie im Handwerk, bei der Bedienung von Maschinen und Anlagen sowie in der Logistik. Wenn sich Betriebe über mehrere unfallfreie Jahre freuen, deutet das in solchen Branchen häufig nicht auf einen gut aufgestellten Arbeits- und Gesundheitsschutz hin, sondern darauf, dass Vorfälle nicht gemeldet und angesprochen werden. Die entscheidende Frage lautet daher: Warum sprechen Mitarbeiter kritische Situationen so selten an?
Die Antwort findet sich meist nicht in mangelndem Verantwortungsgefühl, sondern in der Art und Weise, wie das menschliche Gehirn Bedrohungen wahrnimmt. Eine soziale Gefahr, etwa Spott oder Ärger, wirkt für das Gehirn ähnlich belastend wie eine körperliche Gefahr. Wer einmal eine unangenehme Reaktion erlebt hat, schweigt beim nächsten Mal lieber. So verfestigt sich ein Muster, das Risiken unsichtbar macht.
Vertrauen als Grundbedingung
Damit Beschäftigte offen über Probleme sprechen können, benötigen sie ein angemessenes Maß an psychologischer Sicherheit. Oft wird angenommen, dass dies bedeutet, jegliche Kritik zu vermeiden. In Wirklichkeit geht es jedoch um Verlässlichkeit. Wenn jemand eine unsichere Situation anspricht, sollte klar sein, wie eine Führungskraft darauf reagieren wird. Vorhersehbare Abläufe schaffen Vertrauen und verhindern, dass Mitarbeiter aus Angst vor unberechenbaren Reaktionen lieber still bleiben.
Besonders kritisch wird es dann, wenn Führungskräfte selbst unter massivem Druck stehen. In manchen Unternehmen müssen sie nach einem Unfall innerhalb kürzester Zeit erklären, wie es dazu kommen konnte und welche Maßnahmen bereits ergriffen wurden. Diese strengen Erwartungen führen dazu, dass Führungskräfte versuchen, negative Ereignisse möglichst zu vermeiden. Und genau diese Haltung überträgt sich auf ihre Teams. Die Kennzahlen bleiben top, doch nur auf dem Papier, während die eigentlichen Risiken weiter wachsen.
Wenn das System das Schweigen stärkt
Neben persönlicher Angst spielt auch die Struktur des Unternehmens eine wichtige Rolle. Wo Rekorde für unfallfreie Zeiten gefeiert werden, entsteht automatisch Druck, keine Meldungen zu erzeugen. Wer doch einen Arbeitsunfall meldet, riskiert, als Störer dazustehen. Hinzu kommen Prämienmodelle, die ausschließlich auf Produktionsziele ausgerichtet sind. Wenn Sicherheit darin keinen Platz hat, rückt sie im Arbeitsalltag in den Hintergrund. In Phasen mit erhöhtem Produktionsdruck steigt damit auch das Unfallrisiko.
Wirkliche Sicherheit entsteht nur dann, wenn sie im Leistungsprinzip berücksichtigt wird. Prämien sollten nicht nur Produktionsmengen belohnen, sondern auch sicherheitsrelevantes Verhalten. Vorgaben wie null Unfälle hingegen erzeugen ein Klima, in dem jede Meldung als Versagen empfunden wird. Am Ende wird weniger gesprochen und die Illusion eines hohen Sicherheitsniveaus bleibt bestehen.
Warum mehr Meldungen die beste Prävention sind
Ein wirksamer Arbeitsschutz lebt davon, dass Risiken sichtbar werden. Dafür müssen Mitarbeiter und Führungskräfte das Gefühl haben, dass ein offenes Ansprechen unterstützt wird und nicht zu Nachteilen führt. Solange Meldungen als Angriff auf bestehende Abläufe verstanden werden, helfen auch die besten Informationskampagnen nicht weiter.
Eine klare Erwartungshaltung ist entscheidend, sowohl seitens des Managements gegenüber den Führungskräften als auch von den Führungskräften gegenüber den Mitarbeitenden. Wir sprechen unsichere Situationen offen an und melden jeden Arbeits- sowie Beinaheunfall. Jede Meldung wird als positives Zeichen verstanden, denn wer etwas anspricht, gibt wertvolles Feedback. Deshalb sollten Führungskräfte eher danken als kritisieren und ihren Mitarbeitenden Rückendeckung geben, auch wenn es im Kollegenkreis zu Widerständen kommt.
Ein systematischer Weg zur echten Sicherheitskultur
Eine gelebte Sicherheitskultur des Miteinanders entsteht nicht über Nacht. Sie erfordert einen systematischen Prozess und eine ehrliche Bestandsaufnahme. Was sind aktuelle Herausforderungen? Was sind die größten Hemmnisse derzeit? Wo steht das Unternehmen heute kulturell? Wo müssen Unternehmen organisatorisch und verhaltenstechnisch besser werden?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich ein langfristiger Plan entwickeln. Sicherheit muss dazu als Teil der Unternehmenskultur verstanden werden und nicht als isoliertes Pflichtprogramm. Erst wenn alle Ebenen beteiligt sind, kann sich ein nachhaltiger Wandel entwickeln.
Kulturveränderungen brauchen Zeit. Doch die Investition lohnt sich. Eine offener Umgang mit Fehlern reduziert nicht nur Unfallzahlen, sondern schafft ein Umfeld, das Vertrauen fördert und die gesamte Organisation stärkt.