Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Frauen fehlen in IT- und Digitalberufen

Frau-Beruf

Der Digitalverband Bitkom hat anlässlich des Weltfrauentags eine repräsentative Befragung unter mehr als 600 Unternehmen in Deutschland durchführen lassen.

Die Ergebnisse zeigen ein widersprüchliches Bild: Einerseits wird Gleichstellung als wirtschaftlicher Erfolgsfaktor anerkannt, andererseits halten sich traditionelle Rollenbilder in vielen Betrieben hartnäckig.

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Alte Klischees prägen weiterhin das Denken

Noch immer ist in zahlreichen Unternehmen die Vorstellung verbreitet, IT- und Digitalberufe seien eher Männersache. 43 Prozent der befragten Unternehmen vertreten die Ansicht, Männer seien für diese Tätigkeiten besser geeignet. Fast jedes zweite Unternehmen glaubt zudem, dass IT Berufe Frauen grundsätzlich abschrecken.

Bitkom Präsident Ralf Wintergerst verweist darauf, dass solche Stereotype keine naturgegebenen Realitäten seien, sondern strukturelle Hürden widerspiegelten. Wenn Frauen IT Berufe meiden, liege das häufig an fehlender Sichtbarkeit, mangelnder Ansprache und tradierten Rollenbildern.

bitkom frau

Wirtschaft erkennt Bedeutung von Vielfalt

Trotz dieser Vorbehalte sieht die große Mehrheit der Unternehmen Gleichstellung als wichtigen Wettbewerbsfaktor. 78 Prozent sind überzeugt, dass die Wirtschaft ohne Frauen ihre Zukunft verspielt. Zwei Drittel halten es für unmöglich, den Fachkräftemangel im IT-Bereich ohne weibliche Talente zu lösen.

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Auch die Vorteile gemischter Teams werden deutlich benannt. Neun von zehn Unternehmen schreiben ihnen positive Effekte auf Betriebsklima und Unternehmenskultur zu. Acht von zehn sehen Produktivitäts und Kreativitätsgewinne. In vielen Organisationen wird das Thema inzwischen organisatorisch verankert, etwa durch Gleichstellungs oder Diversity Verantwortliche.

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Kaum Fortschritte in IT Fachbereichen

In der Praxis bleibt der Frauenanteil jedoch niedrig, insbesondere in IT- und Digitalabteilungen. In 89 Prozent der Unternehmen sind dort weniger als die Hälfte der Stellen mit Frauen besetzt. Kein einziges der befragten Unternehmen beschäftigt in diesen Bereichen mehr Frauen als Männer.

Auch im internationalen Vergleich wird die Lage kritisch gesehen. Zwei Drittel der Unternehmen betrachten Deutschland bei der Gleichstellung in IT-Berufen als Nachzügler, ein Teil sieht sogar den Anschluss verloren.

Ein Blick auf die Gesamtzahlen bestätigt das Bild: Der Frauenanteil unter IT-Fachkräften liegt laut Bundesagentur für Arbeit bei 18 Prozent. In Informatikstudiengängen beträgt er 17 Prozent, in klassischen IT-Ausbildungen sogar nur 12 Prozent. Höher ist der Anteil lediglich in interdisziplinären Studiengängen wie medizinischer Informatik oder Bioinformatik.

Strukturelle Hürden bremsen Karrieren

Als Gründe für die geringe Beteiligung nennen Unternehmen sowohl interne als auch externe Faktoren. Besonders häufig werden fehlende Weiterbildungsangebote während der Elternzeit und erschwerte Wiedereinstiege genannt. Auch mangelnde Sensibilisierung von Führungskräften spielt aus Sicht vieler Befragter eine Rolle.

Hinzu kommen tief verwurzelte Rollenbilder, eine wahrgenommene gläserne Decke sowie Widerstände innerhalb der Belegschaft. Auf politischer Ebene werden Defizite bei der Betreuungsinfrastruktur, Hürden beim Quereinstieg und klischeebehaftete Berufsorientierung kritisiert.

Ziele und Maßnahmen sind nicht selbstverständlich

Vier von zehn Unternehmen haben sich konkrete oder allgemeine Ziele zur Erhöhung des Frauenanteils gesetzt oder planen entsprechende Schritte. Gleichzeitig gibt mehr als ein Drittel an, keine Ziele zu verfolgen. Als Gründe werden fehlende Bewerberinnen oder andere Prioritäten genannt.

Dennoch setzen 79 Prozent der Unternehmen mindestens eine Maßnahme ein, um gezielt Frauen für IT und Digitalberufe zu gewinnen. Dazu zählen Kooperationen mit Hochschulen und Schulen, spezielle Einstiegsprogramme, auf Frauen zugeschnittene Kampagnen sowie die Teilnahme an entsprechenden Karriereevents.

Auch bei der allgemeinen Frauenförderung sind viele Unternehmen aktiv. Flexible Arbeitsmodelle wie mobiles Arbeiten werden inzwischen von der großen Mehrheit angeboten oder geplant. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen gewinnen an Bedeutung, ebenso Weiterbildungsprogramme. Deutlich zugelegt hat Mentoring als Instrument zur Karriereförderung.

Trotz dieser Aktivitäten gibt es weiterhin Vorbehalte. Ein Teil der Unternehmen hält Frauenförderung für unnötig oder sieht darin eine Belastung. Einige empfinden entsprechende Maßnahmen als ungerecht gegenüber Männern oder als Ablenkung von wichtigeren Themen. Zudem besteht bei manchen Zweifel an der Ernsthaftigkeit von Initiativen.

Diese Ambivalenz zeigt, dass Gleichstellung zwar anerkannt, aber nicht überall mit gleicher Konsequenz umgesetzt wird.

Unternehmen und Politik in gemeinsamer Verantwortung

Die Mehrheit der befragten Unternehmen sieht sich selbst in der Pflicht, den Frauenanteil in IT- und Digitalberufen zu erhöhen. Gleichzeitig fordern sie politische Unterstützung. Besonders häufig genannt werden Investitionen in Betreuungsinfrastruktur, eine stärkere Förderung des IT Interesses von Mädchen entlang der Bildungskette sowie öffentliche Kampagnen mit sichtbaren Vorbildern.

Mit der Initiative SheTransformsIT engagiert sich Bitkom gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, um Mädchen und Frauen für digitale Berufe zu begeistern und strukturelle Barrieren abzubauen.

Die aktuellen Zahlen machen deutlich, dass Fortschritte möglich sind, aber kein Selbstläufer. Wer digitale Transformation und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz erfolgreich gestalten will, kann es sich langfristig nicht leisten, auf einen großen Teil des Talentpools zu verzichten.

Pauline Dornig

Pauline

Dornig

Online-Redakteurin

IT Verlag GmbH

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