Peking setzt auf quantensichere Verschlüsselung und verfolgt dabei einen anderen Weg als der Westen.
Die chinesische Regierung hat angekündigt, binnen drei Jahren nationale Standards für Post-Quanten-Kryptografie zu verabschieden. Damit reiht sich das Land in einen globalen Wettlauf ein, bei dem es darum geht, Verschlüsselungssysteme rechtzeitig gegen die Fähigkeiten künftiger Quantencomputer abzusichern.
Quantencomputing im Fünfjahresplan
Der vergangene Woche vorgestellte neue Fünfjahresplan hebt Quantentechnologie erstmals in den Rang einer strategischen Kernindustrie. In der Prioritätenliste steht sie neben Feldern wie Embodied AI, Kernfusion und Gehirn-Computer-Schnittstellen. Peking formuliert darin das Ziel, skalierbare Quantencomputer zu entwickeln, und macht damit deutlich, dass die Technologie sowohl wirtschaftlich als auch sicherheitspolitisch eine zentrale Rolle spielen soll.
Warum neue Verschlüsselung nötig wird
Gängige Verschlüsselungsverfahren wie RSA beruhen auf mathematischen Problemen, an denen heutige Rechner scheitern. Quantencomputer könnten diese Aufgaben jedoch in überschaubarer Zeit lösen. Damit wären Finanzdaten, staatliche Kommunikation und die Steuerung kritischer Infrastruktur langfristig gefährdet. Post-Quanten-Kryptografie bezeichnet Verfahren, die auch in einer Welt mit leistungsfähigen Quantenrechnern Bestand haben sollen.
Als erste Anwendungsgebiete kommen offenbar der Finanz- und der Energiesektor infrage, weil dort besonders sensible Daten mit langen Aufbewahrungsfristen anfallen. Die Umstellung wird allerdings kein schneller Prozess sein: Software, Hardware und Kommunikationsprotokolle müssen angepasst werden, was erfahrungsgemäß Jahre in Anspruch nimmt.
Eigene Algorithmen statt westlicher Übernahme
Die USA haben 2024 als erstes Land fertige Post-Quanten-Algorithmen standardisiert und streben bis 2035 eine vollständige Migration der Industrie an. China hat im vergangenen Jahr international dazu aufgerufen, Vorschläge für eigene Standards einzureichen. Peking verfolgt also das Ziel, die globalen Spielregeln aktiv mitzubestimmen.
Während die meisten internationalen Standards auf algebraischen Gittern aufbauen, also regelmäßigen mathematischen Strukturen, die sich effizient berechnen lassen, forschen chinesische Wissenschaftler verstärkt an sogenannten strukturlosen Gittern. Bei diesem Ansatz wird bewusst auf die innere Ordnung verzichtet, um die Sicherheit zu erhöhen. Der Nachteil: Die Berechnungen werden rechenintensiver.
Wang Xiaoyun, eine führende Kryptografie-Forscherin an der Tsinghua-Universität, rechnet laut Reuters damit, dass die heimische Branche in den kommenden drei bis fünf Jahren erheblich wachsen wird. Treiber seien staatliche Investitionen und der Bedarf an flächendeckender Absicherung kritischer Infrastruktur.
Open-Source-Betriebssystem für Quantenrechner
Chinas Engagement geht über Verschlüsselung hinaus. Laut Staatsmedien hat das Land kürzlich ein selbst entwickeltes Betriebssystem für Quantencomputer als Open Source freigegeben. Der Schritt soll Forschung und Ökosystementwicklung beschleunigen.
Wettlauf mit der Zeit
Im Hintergrund steht ein Bedrohungsszenario, das Fachleute als “Store now, decrypt later” bezeichnen: Angreifer könnten heute verschlüsselte Daten abfangen und speichern, um sie später mit Quantenrechnern zu entschlüsseln. Unternehmen wie Google mahnen deshalb zur Eile bei der Umstellung.
Die geopolitische Dimension ist kaum zu übersehen. Washington betont in seiner aktuellen Cyberstrategie die Führungsrolle bei Post-Quanten-Kryptografie und künstlicher Intelligenz gleichermaßen. Südkorea hat angekündigt, bis 2035 quantenresistente Verschlüsselung in Schlüsselindustrien einzuführen, erste Pilotprojekte sollen bereits 2025 anlaufen.
Der Wettlauf um die Kryptografie der Zukunft hat also längst begonnen. Welche Standards sich am Ende international durchsetzen, ist offen. Klar ist nur, dass China dabei ein gewichtiges Wort mitreden will.