Erfolgreiche Transformation für Krankenhäuser

Das eigentliche Problem ist nicht das SAP IS-H Ende…

Kliniken und Krankenhäuser stehen vor einer Neudefinition ihrer IT- und Datenstrategie, denn mit der SAP IS-H-Abkündigung verlangen gewachsene Prozesse, Datenmodelle und Betriebslogiken nach grundlegend neuen Entscheidungen.

Das Ende von SAP IS-H ist deswegen auch nicht die größte Herausforderung, sondern vielmehr die Tatsache, dass es bis heute keine klare, belastbare Nachfolgestrategie gibt. Wer jetzt abwartet, riskiert mehr als nur eine verspätete Migration.

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Was die Situation zusätzlich verschärft: Es gibt derzeit keinen klaren „Standardweg“ für die Ablösung von IS-H. Weder im SAP-Umfeld noch darüber hinaus haben sich bislang Lösungen etabliert, die funktional, regulatorisch und betrieblich gleichermaßen überzeugen. Stattdessen stehen Krankenhäuser vor einem Flickenteppich aus Optionen, von S/4-nahen Ansätzen über KIS-basierte Modelle bis hin zu Cloud-Lösungen internationaler Anbieter. Jede dieser Varianten bringt eigene Abhängigkeiten, Integrationsaufwände und Risiken mit sich. Die Folge: Entscheidungen müssen unter hoher Unsicherheit getroffen werden – und genau das macht die Transformation zu einer strategischen Herausforderung, nicht nur zu einem IT-Projekt.

Niemand weiß, wo die Reise hingeht

Mit dem Ende des Supports für SAP ECC im Jahr 2027 wird auch SAP IS-H faktisch auslaufen. Damit stehen viele Kliniken vor einer ungewissen Zukunft. Zwar gibt es erste Pilotprojekte und Ankündigungen verschiedener Anbieter, die mögliche Nachfolgelösungen in Aussicht stellen, doch belastbare Referenzen aus dem produktiven Einsatz sind bislang rar.

Ein möglicher Weg ist die von Oracle angebotene Nachfolgelösung für IS-H. Allerdings ist diese ausschließlich als Cloud-Angebot verfügbar, was neue Abhängigkeiten und Herausforderungen bei der Compliance schaffen kann – insbesondere im Hinblick auf Datenhaltung, Betrieb und Integration. Zwar sind Schnittstellen zu SAP S/4HANA angekündigt, doch bleibt abzuwarten, wie reibungslos diese in der Praxis funktionieren.

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Abwarten ist keine Option. Es erhöht die Risiken für Prozesse, Compliance und Budgets erheblich.

Philipp von der Brüggen, Natuvion

Auch andere Anbieter von Krankenhausinformationssystemen arbeiten an Alternativen. Doch auch hier fehlt es bislang an etablierten, praxiserprobten Lösungen. Theoretisch wäre sogar ein vollständiger Abschied von SAP denkbar. In der Realität erscheint dieser Schritt jedoch für die meisten Kliniken wenig attraktiv, da über Jahre hinweg erhebliche Investitionen in Systeme, Prozesse und Know-how geflossen sind. Ein kompletter Systemwechsel würde nicht nur hohe Kosten verursachen, sondern auch erhebliche Risiken für den laufenden Betrieb mit sich bringen.

Abwarten ist keine Lösung

Vor diesem Hintergrund zeichnen sich aktuell vier realistische Handlungsoptionen ab:

➤ eine schrittweise Migration auf SAP S/4HANA bei gleichzeitigem temporären Weiterbetrieb von IS-H,

➤ der Einsatz einer noch nicht vollständig ausgereiften Partnerlösung im SAP-Umfeld,

➤ die Umstellung auf KIS-basierte Abrechnungslösungen oder

➤ die Migration in eine Cloud-Lösung wie Oracle Health.

Wie man es auch sieht, eines ist allen Szenarien gemeinsam: Sie machen tiefgreifende Veränderungen der Systemlandschaft erforderlich. Insbesondere die Transformation der Daten stellt sowohl technisch als auch organisatorisch und regulatorisch eine große Herausforderung dar. Darüber hinaus führt die hohe Komplexität dazu, dass viele Krankenhäuser zögern und auf eindeutige Signale aus dem Markt warten. Dieses abwartende Verhalten birgt erhebliche Risiken, nicht zuletzt, weil SAP-Transformationsprojekte im Durchschnitt 1,5 bis 2,5 Jahre dauern. Zudem nehmen die Anforderungen durch Gesetzgeber, Kostenträger und interne Effizienzprogramme weiter zu.

Umso wichtiger ist es, frühzeitig aktiv zu werden. Transformationsexperten, beispielsweise von Natuvion, unterstützen Kliniken und Gesundheitsorganisationen dabei, ihre Ausgangssituation fundiert zu analysieren, geeignete Migrationsziele zu entwickeln und eine tragfähige Migrationsstrategie zu definieren. Dabei kommen zunehmend hybride Ansätze wie „Greenfield Plus“ oder Selective Data Transition zum Einsatz, um bestehende Strukturen gezielt weiterzuentwickeln, anstatt sie vollständig zu ersetzen. Gleichzeitig wird in einem der eigentlichen Datenmigration vorgelagerten Housekeeping-Projekt bewertet, welche Daten weiterhin benötigt, archiviert oder gelöscht werden können – immer unter Berücksichtigung gesetzlicher Vorgaben, etwa zur rückwirkenden Abrechnungskorrektur.

Angesichts von Personalmangel, wirtschaftlichem Druck und sich dynamisch verändernden politischen Rahmenbedingungen ist klar: Abwarten ist für kein Unternehmen eine Option. Es erhöht die Risiken für Prozesse, Compliance und Budgets erheblich. Die klare Empfehlung lautet daher, besser heute als morgen die Anforderungen definieren, Ressourcen planen und die Transformation vorzubereiten.

IS-H geht – Was kommt jetzt?
Das sagt Burkhard Hergenhan, COO bei Natuvion, zum IS-H-Dilemma:
Herr Hergenhan, wie dramatisch ist die Lage wirklich?

Burkhard Hergenhan: Viele Krankenhäuser haben noch nicht mit der Transformation begonnen und es gibt in Folge sehr wenig Beratungshäuser mit der notwendigen Kompetenz und Expertise. Das wird richtig eng! Unserer aktuelle Transformationsstudie zeigt, dass SAP-Transformationen durchschnittlich zwischen 1,5 und 2,5 Jahre dauern. Erschwerend kommt hinzu, dass der Healthcare-Bereich zu einem großen Teil aus Organisationen der öffentlichen Hand besteht. Neue Lösungen oder notwendige Berater müssen ein Ausschreibungsverfahren durchlaufen. Das verlängert den Prozess zusätzlich.

it management: Ist die grundsätzliche Trennung von SAP eine sinnvolle Option?

Burkhard Hergenhan: Das ist grundsätzlich möglich, aber von SAP komplett wegzugehen, bedeutet, das aufgebaute Know-how einer komplett auf SAP geschulten Organisation wegzuwerfen. Das fängt bei der Finanzbuchhaltung an und geht bis zum Pflegepersonal. Die müssten alle umgeschult werden. Und das vor dem Hintergrund des hohen Zeitdrucks, über den wir ja schon gesprochen haben. Ich halte das für fast unmöglich.

Wo sehen Sie das größte Problem bei einer SAP-Transformation im Gesundheitsbereich?

Burkhard Hergenhan: Dass es sich um hochsensible Daten handelt, denn es geht um die Krankheitsdaten von Menschen. Es muss gewährleistet sein, dass die Organisationen die strengen gesetzlichen Vorgaben einhalten und dass Daten gesetzeskonform gelöscht werden und nicht unkontrolliert verschwinden oder gar in falsche Hände gelangen. Hier ist – neben aller Komplexität – die Expertise für allerhöchste Sicherheitsstandards gefragt. Eine weitere Herausforderung sind die historischen Systeme, mit zum Teil sehr individuellen Ausprägungen und wenigen Standards. Im Klinikumfeld ähnelt fast keine Organisation der anderen und damit auch kein System dem anderen. Umso dringlicher ist es, schnellstmöglich nach Alternativen für IS-H zu suchen.

Herr Hergenhan, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Philipp von der Brüggen, Natuvion GmbH

Philipp

von der Brüggen

CMO

Natuvion GmbH

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