Eine aktuelle Untersuchung zeigt ein scheinbares Paradoxon im Umgang mit Falschinformationen. Ältere Erwachsene sind durchaus in der Lage, problematische Inhalte als irreführend zu erkennen. Gleichzeitig neigen sie häufiger als jüngere Menschen dazu, solche Inhalte im Netz zu liken oder zu teilen.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Forschungsarbeit von Ben Lyons von der University of Utah (via Pressetext).
Politische Überzeugungen als Filter
Ein zentraler Erklärungsansatz der Studie ist der sogenannte Kongruenz Bias. Gemeint ist damit die Neigung, Informationen bevorzugt dann zu akzeptieren, wenn sie mit den eigenen politischen oder weltanschaulichen Überzeugungen übereinstimmen. Inhalte, die diesem Weltbild widersprechen, werden eher ignoriert oder als unglaubwürdig eingestuft.
Gerade bei älteren Erwachsenen ist dieser Effekt laut Lyons stärker ausgeprägt. Zwar geben viele von ihnen an, großen Wert auf Genauigkeit zu legen. In der Praxis wird jedoch oft das als richtig wahrgenommen, was zur eigenen politischen Identität passt. Dadurch kann es passieren, dass als falsch erkannte Inhalte dennoch weiterverbreitet werden.
Digitale Routine und Nachrichtenverständnis
Für seine Analyse wertete Lyons Daten aus Experimenten mit rund 10.000 Teilnehmenden sowie Nutzungsdaten von mehreren tausend Personen aus. Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild:
• Ältere Erwachsene stehen Falschinformationen grundsätzlich skeptisch gegenüber
• Ihre digitale Kompetenz im Umgang mit Online Plattformen nimmt mit dem Alter ab
• Gleichzeitig wächst mit dem Alter das Verständnis dafür, wie Nachrichten entstehen und verbreitet werden
Während jüngere Menschen oft technisch versierter sind, fehlt ihnen teilweise das tiefere Verständnis journalistischer Prozesse. Ältere Nutzerinnen und Nutzer verfügen hier über mehr Erfahrung, bewegen sich jedoch weniger sicher in digitalen Umgebungen.
Kognitives Altern mit Stärken und Schwächen
Die Studie macht deutlich, dass kognitives Altern nicht ausschließlich mit einem Abbau von Fähigkeiten verbunden ist. Zwar lassen bei vielen Menschen mit zunehmendem Alter Aspekte wie Verarbeitungsgeschwindigkeit oder Kurzzeitgedächtnis nach. Gleichzeitig bleiben andere Kompetenzen stabil oder verbessern sich sogar.
Dazu zählen unter anderem:
• ein stärker ausgeprägtes Allgemeinwissen
• ein besseres semantisches Gedächtnis
• eine höhere Fähigkeit zur Emotionsregulation
Diese Eigenschaften können helfen, Inhalte kritisch einzuordnen. Sie schützen jedoch nicht automatisch davor, Informationen zu teilen, die emotional ansprechen oder politisch bestätigen, auch wenn deren Wahrheitsgehalt zweifelhaft ist.
Einordnung der Ergebnisse
Die Untersuchung zeigt, dass der Umgang mit Falschinformationen weniger eine Frage des Alters als der Kombination aus Überzeugungen, Mediennutzung und digitaler Routine ist. Ältere Erwachsene sind nicht grundsätzlich leichter zu täuschen, handeln online aber häufiger inkonsequent zwischen kritischer Einschätzung und tatsächlichem Verhalten.
Für Medienbildung und Plattformbetreiber ergibt sich daraus die Herausforderung, nicht nur die Erkennung von Falschinformationen zu fördern, sondern auch das Bewusstsein für das eigene Weiterverbreitungsverhalten zu stärken.