Hyperscaler-Abhängigkeit

Digitale Souveränität: Zwischen Milliardeninvestitionen und strategischer Autonomie

Digitale Souveränität

Am 11. Dezember 2025 veröffentlichte Amazon Web Services (AWS) das European Sovereign Cloud Sovereign Reference Framework (ESC-SRF). Achtzehn Monate nach der 7,8-Milliarden-Euro-Investition in Brandenburg lässt sich damit erstmals bewerten, was tatsächlich erreicht wurde. Das Ergebnis zeigt: Es handelt sich um technische Umsetzung, nicht um Symbolpolitik.

Auch andere Anbieter treiben Souveränitätsinitiativen voran. NVIDIA und die Deutsche Telekom investieren mehr als eine Milliarde Euro in eine souveräne Industrial AI Cloud in München. Workday hat seine EU Sovereign Cloud gestartet. Google Cloud eröffnete im November 2025 seinen ersten European Sovereign Cloud Hub, einen Co-Creation-Space für Lösungen wie EU Data Boundaries, lokale Datenresidenz, Client-Side-Encryption und Air-Gapped-Varianten. Google arbeitet dabei mit Partnern wie T-Systems und der Schwarz Group, die Governance und Kontrolle sicherstellen. Zwischen 2026 und 2029 plant Google weitere 5,5 Milliarden Euro Investitionen.

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Die großen Anbieter folgen klaren Strategien: AWS setzt auf vollständig getrennte Infrastruktur, Google ergänzt bestehende Infrastruktur über Partner. Auch Microsoft baut entsprechende Angebote. Der Druck aus Regulierung und Kundennachfrage steigt. Gartner erwartet 2026 ein IT-Ausgabenwachstum von elf Prozent auf 1,4 Billionen Dollar. 61 Prozent der CIOs in Westeuropa planen den verstärkten Einsatz lokaler Provider. Der Markt für Sovereign Cloud wächst auf 250 Milliarden Dollar.

Von Datenlokation zu operativer Autonomie

Europa vollzieht eine Entwicklung von einfacher Datenlokation zu operativer Souveränität. Die EU-Kommission definiert erstmals messbare Kriterien. Das EU Cloud Sovereignty Framework formuliert acht Ziele (SOV-1 bis SOV-8), die konkrete Nachweise operativer Kontrolle verlangen.

AWS setzt diese Vorgaben sichtbar um. Das Rechenzentrum in Brandenburg ist physisch und logisch getrennt, betrieben von EU-Bürgern mit EU-Wohnsitz. Eine europäische Zertifikatsinfrastruktur ergänzt das Modell. Die Verantwortung ist klar verteilt. AWS gewährleistet die Sicherheit der Infrastruktur, Kunden verantworten Verschlüsselung, Schlüsselverwaltung und Zugriff. Wer Schlüssel in europäischer Hoheit hält, erreicht hohe tatsächliche Kontrolle.

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Abhängigkeit realistisch einordnen

Die Frage nach europäischer Abhängigkeit von US-Konzernen wird häufig zugespitzt, doch vollständige technologische Unabhängigkeit ist nicht erforderlich. Entscheidend ist die Fähigkeit, Alternativen zu haben und im Bedarfsfall zu nutzen. Europäische Systeme basieren seit jeher auf globalen Technologien. Souveränität entsteht durch Handlungsfähigkeit, nicht durch Abschottung.

Daraus ergibt sich ein gestuftes Risikomanagement. Kritische Workloads benötigen maximale Kontrolle und gegebenenfalls europäische Infrastruktur. Standardanwendungen können souveräne Hyperscaler-Angebote nutzen, die Leistung und Kontrolle verbinden. Die Modelle unterscheiden sich: AWS bietet tiefere technische Isolation, Google setzt auf Partner-Governance. Die entscheidende Frage bleibt, wie verifizierbar Kontrollen sind und welche operative Autonomie tatsächlich besteht.

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Standards und Interoperabilität als Voraussetzung

Offene Standards schaffen Interoperabilität und verhindern Abhängigkeiten. Das World Economic Forum spricht von hybrider Resilienz. Multi-Vendor-Architekturen und portable Workloads sichern Flexibilität. Initiativen wie Gaia-X adressieren diese Ziele. Währenddessen entstehen in Brandenburg und München bereits konkrete souveräne Infrastrukturen. Die Frage lautet weniger, ob Gaia-X oder Hyperscaler, sondern wie europäische Standards bestehende Investitionen ergänzen.

Geopolitik rückt in den Vordergrund

Cloud-Dienste entwickeln sich zu kritischer Infrastruktur. 61 Prozent der CIOs in Westeuropa sehen geopolitische Risiken als Einflussfaktor auf Providerentscheidungen. Exportkontrollen oder politische Spannungen sind heute Teil der Szenarienplanung. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass Anbieter wie AWS behördliche Eingriffe juristisch anfechten und strenge technische Trennungen etablieren. Dennoch bleibt ein Restrisiko, das Diversifizierung und Redundanz erfordert.

Was Europa jetzt braucht

Drei Faktoren sind zentral:

Erstens, wettbewerbsfähige Technologie. Investitionen wie die von NVIDIA und Telekom oder die 5,5 Milliarden Euro von Google stärken europäische Infrastruktur. Datacenter-Ausgaben steigen 2025 um mehr als 38 Prozent.

Zweitens, klare regulatorische Vorgaben. Unternehmen müssen wissen, welches Schutzniveau für welche Workloads erforderlich ist. Das EU Cloud Sovereignty Framework bietet erstmals Orientierung mit messbaren Vorgaben.

Drittens, Fachkräfte und Ökosysteme. Europa braucht Cloud-Architekten, Security-Experten und AI Engineers sowie ein starkes Startup-Umfeld, das auf europäischer Infrastruktur aufbaut.

Innovation durch Anforderungen

Souveränitätsanforderungen wirken als Innovationsmotor. Die Milliardeninvestitionen von Hyperscalern und Partnern sind direkte Reaktionen auf europäische Nachfrage. Studien zeigen, dass bis 2030 drei Viertel aller Unternehmen eigene Digital-Sovereignty-Strategien entwickeln werden. Parallel wächst das GenAI-Spending in Europa rasant. Europa muss nun in eigene Fähigkeiten investieren, um mittelfristig Alternativen aufzubauen.

Politik und Wirtschaft in gemeinsamer Verantwortung

Die Politik hat den Rahmen gesetzt. Das EU Cloud Sovereignty Framework und seine Verankerung in öffentlichen Ausschreibungen markieren einen Strategiewechsel. Unternehmen müssen diese Vorgaben nutzen. Dazu gehören Exit-Strategien, bewusste Architekturentscheidungen und der Einsatz regionaler Anbieter, wo sie wettbewerbsfähig sind. Gartner beschreibt diese Entwicklung als geopolitische Rückverlagerung von Technologieentscheidungen.

Fazit

Digitale Souveränität ist ein strategischer Risikofaktor und kein technisches Randthema. Die aktuellen Milliardeninvestitionen, quantifizierbaren Kriterien und neuen Beschaffungsmodelle zeigen, dass Europa seinen Handlungsspielraum stärkt. Die Kombination aus souveränen Hyperscaler-Angeboten für Standardanwendungen und europäischer Infrastruktur für kritische Bereiche ist der pragmatische Weg zu nachhaltiger digitaler Autonomie.

Annariina Komljenovic

Annariina

Komljenovic

Executive Vice President Strategic Alliance Management

valantic

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