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Tobias Ortwein PACFrüher als erwartet hat SAP nun mit S/4HANA den Nachfolger von SAP ERP (ECC 6.0) vorgestellt. Tobias Ortwein (Foto) und Frank Niemann, PAC, geben eine Einschätzung über SAP S/4HANA.

Die SAP hat ein Zeichen gesetzt


Schon mit der Ankündigung von SAP HANA vor zwei Jahren war klar, dass der Anbieter das bestehende ERP-System umbauen muss, um sämtliche Vorteile einer Echtzeitplattform auszuschöpfen. SAP hat überraschend schnell erste Ziele erreicht, zumal eine grundlegende Änderung der ERP-Codes mit zirka 400 Millionen Programmzeilen erforderlich war. Für SAP ist die Ankündigung von S/4HANA ein wichtiger und großer Schritt, in der Unternehmensgeschichte. Die SAP hat ein Zeichen gesetzt, das die Konkurrenz sicher erheblich unter Druck setzen wird.
 
S/4HANA ist nicht nur ein neues Release der SAP Business Suite für den Betrieb unter SAP HANA, sondern auch eine bedeutende Änderung in der Art und Weise, wie das Kernsystem funktioniert. SAP betont, dass Komponenten wie Financials, CRM, SRM und PLM nun eine gemeinsame Plattform haben. Dies erspart den Datentransfer zwischen Komponenten wie ERP und CRM, der bisher notwendig war. SAP hat also kein völlig neues Produkt entwickelt, sondern das bestehende rundum erneuert. Jüngste Entwicklungen von SAP rund um SAP HANA, SAP Fiori und s-innovations bilden die Grundlage für die neue Generation des Kernprodukts. Außerdem wurden Cloud Services wie das Ariba Business Network integriert.


Komplexität reduzieren


Nachdem die SAP-Landschaft durch die verschiedenen neuen Komponenten, die der Softwarehersteller im Laufe der Zeit seinem Portfolio hinzufügte, immer komplexer geworden ist, verfolgt SAP mit S/4HANA das Ziel, diese Komplexität zu reduzieren. Damit macht SAP sein Versprechen wahr, ein integriertes System anzubieten.

Dazu gehört auch eine grundlegende Reduzierung der Datenkomplexität. Hasso Plattner, SAPs Co-Gründer und Vorsitzender des Aufsichtsrats, behauptet, allein durch die Beseitigung von Aggregaten und Redundanzen sei es möglich, das Datenvolumen auf ein Zehntel zu reduzieren.

Aufgrund des grundlegend neu gestalteten Systemaufbaus benötigen Satellitenanwendungen keine eigene Instanz, was das Datenvolumen weiter reduziert. Das bedeutet auch, dass Anwender nur noch eine einzige Datenbank benötigt: SAP HANA. Damit verschmelzen in reinen SAP-Umgebungen Anwendungs- und Datenbankschicht.

Auch auf der Ebene der Benutzeroberfläche hat SAP erhebliche Verbesserungen angekündigt. In der Produktbezeichnung S/4HANA steht „S“ für „Simplification“ (Vereinfachung), folgerichtig setzt das neue System konsequent auf SAP Fiori als GUI.

Mit S/4HANA verspricht SAP einen Wendepunkt in der Geschichte der Enterprise-IT. „Dies ist der größte Produkt-Launch der letzten 23 Jahre, vielleicht sogar in der Geschichte des Unternehmens“, betonte Bill McDermott. Diese Aussage des SAP-CEOs zeigt, dass das Top-Management S/4HANA immense Bedeutung beimisst.

Deshalb lohnt es sich, folgende Punkte etwas näher zu durchleuchten:


Performance


Plattner kündigte extrem hohe Performance-Gewinne an. Die bisher unerreichten technologischen Verbesserungen durch In-Memory sollen Echtzeit-Visualisierung von laufenden Geschäftsprozessen ermöglichen, so der SAP-Gründer.

In der Tat klingt es eindrucksvoll, wenn transaktionale und analytische Funktionen in einem einzigen System zusammenfließen, das SAP selbst als ein „System der Intelligenz“ bezeichnet. Mit dem Versprechen, Geschäftsentscheidungen in Echtzeit zu visualisieren, versucht SAP erneut, Lösungen und große Ideen an den Vorstand zu verkaufen.

Unter den SAP-Partnern stößt die Ankündigung auf Zustimmung, denn eine neue Produktgeneration mit neuen Funktionen könnte das Geschäft in Bewegung bringen. Abzuwarten bleibt indes, wie schnell die Kunden auf die neue Produktgeneration umsteigen werden.


Einfachheit


Ein wesentliches Verkaufsargument ist Einfachheit. Den Anfang hat SAP mit Simple Finance gemacht und nun mit S/4HANA einen wichtigen Meilenstein erreicht.

SAP belegt mit der neuen Lösung aber auch, dass die eingeschlagene Cloud-Strategie weiter ambitioniert verfolgt wird. S/4HANA ist zudem ein Zeichen dafür, dass SAP immer noch an den Erfolg einer Suite aus der Cloud glaubt. Fraglich in diesem Zusammenhang ist die Zukunft von Markennamen und eigenständigen Produktkategorien wie etwa SuccessFactors, Ariba, Concur etc.


Leicht einsetzbar


S/4HANA ist für den mobilen Einsatz über alle Geschäftssparten hinweg vorgesehen. Für den Nutzer aus dem Fachbereich spielt SAP Fiori eine besondere Rolle, ihm soll die neue Lösung eine leicht zu bedienende Oberfläche bieten. SAP räumt ein, dass es in dieser Hinsicht Defizite gab.

SAP versichert, die Kunden bei der Umstellung auf S/4HANA zu begleiten. Sicher ist, dass die Bestandskunden genau beobachten werden, wie das Unternehmen mit der Pflege der vorhandenen Systemen und den Wartungsvereinbarungen verfahren wird. Im vergangenen Jahr erst hatte SAP ankündigt, den Support für SAP ERP bis zum Jahr 2025 zu gewährleisten.

Aus PAC-Sicht bleiben nach der Ankündigung eine Reihe wichtiger Fragen offen:

  • Bernd Leuckert, Entwicklungs-Chef bei SAP, erwähnte in einem Nebensatz, die Zeit der Blueprints sei vorbei. Unklar bleibt jedoch, wie die Kunden ohne Unterbrechung von ihren komplexen Systemen zum neuen System S/4HANA wechseln sollen.
  • Was bedeutet es für Anwender, wenn die Zeit der Blueprints vorbei ist? Werden diese durch neue Konzepte/Tools wie „Geführte Konfiguration“ oder „Testen Sie Ihre Prozesse“ realisiert?
  • Wie wirkt sich eine Migration auf die vorhandene IT-Infrastruktur sowie auf bestehende Dienstleistungsverträge (etwa im Outsourcing-Betrieb) aus?
  • Hält das SAP-Ökosystem, was es verspricht? Wie sieht ein sicherer Migrationspfad aus?
  • Wie wirkt sich die Integration von Satellitensystemen auf das Preismodell aus?
  • Sind die Datenbanken wirklich frei wählbar?
  • Wird es verschiedene Implementierungsmodelle geben? Eines für S/4HANA und eines für jede DB?

Es ist durchaus natürlich, dass nach einer großen Ankündigung eine Vielzahl offener Fragen und Bedenken zutage treten – und die Ankündigung von SAP war bedeutend. In den kommenden Monaten, wenn nicht Jahren, wird SAP Antworten und Lösungen liefern müssen.

Tobias Ortwein, Partner – BAS Practice Leader, Pierre Audoin Consultants (PAC) GmbH
Frank Niemann, Vice President – Software & SaaS Markets, Pierre Audoin Consultants (PAC) GmbH

www.pac-online.com

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