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it fokus richtet sich an die technischen Entscheider in mittelständischen und großen Unternehmen. Leser sind in erster Linie Leiter und Mitarbeiter der Fachabteilungen Anwendungsentwicklung, Methoden & Verfahren, Qualitätssicherung und Netzwerktechnik. Dementsprechend technisch fundiert berichtet it fokus.

 

Seit Anfang 2008 ist it fokus unter der Rubrik „it tech-nologie“ im it management integriert. Die it fokus-Artikel können Sie nach wie vor an dieser Stelle lesen.

Geschäftsmodelle für Wholesale in einer NGN-Welt: Wohin geht die Reise? PDF  | Drucken |  E-Mail
30. Oktober 2007

Interconnection – die Zusammen-schaltung verschiedener Netze – ist ein Schlüsselthema im Wholesale-Geschäft.

Im NGN werden Quality of Service (QoS) über Netzgrenzen hinweg zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Netzbetreiber können dabei verschiedene Geschäftsmodelle nutzen, die sich anhand ihrer Qualitätsmerkmale unterschei-den. Next Generation Networks (NGNs) sind in aller Munde. Denn Einsparungs-potenziale sowie neue innovative Produkte und Dienste sind für alle Netzbetreiber von großem Interesse. Der Begriff NGN bezeichnet den Entwicklungsschritt von getrennten leitungs- und paket-vermittelten Netzen hin zu einer einzigen IP-basierten Welt. Darin können der Transport von IPPaketen und das Angebot von Diensten und Services grund-sätzlich unabhängig von einander stattfinden, da Anwendungs-, Transport- und Zugangsebenen entkoppelt sind. Damit spielt es beispielsweise keine Rolle mehr, über welchen Übertragungsstandard ein Endgerät Dienste empfängt. Im Bereich Sprachtelefonie kann damit wiederum VoIP am Netzbetreiber vorbei angeboten und terminiert werden. Dies betrifft massiv das Wholesale-Geschäft der Netz-betreiber, da zukünftig das Entgelt für Interconnection-Leistungen entfallen könnte. Ein Blick auf die typische Struktur der Wholesale-Umsätze eines PSTN-Netzbe-treibers zeigt jedoch, dass Interconnection-Leistungen fast 50 Prozent der Gesamtumsätze verantworten. Dies wirft die Frage nach den Optionen auf, die dem Netzbetreiber verbleiben, um Interconnection-Beziehungen im NGN-Umfeld kommerziell erfolgreich und technisch sinnvoll zu definieren.

Mögliche Modelle für Interconnection

Grundsätzlich gilt im PSTN das Calling Party Network Pays (CPNP)-Prinzip: Für die Terminierung von Gesprächen erhält das jeweils übernehmende Unternehmen eine Kompensation in Form eines Entgelts vom anliefernden Betreiber. Mit der Migration zu NGN werden sich auch Interconnection-Beziehungen radikal ändern. Während die traditionellen PSTN- zu PSTN-Verbindungen an Bedeutung verlieren, taucht eine Vielzahl neuer Beziehungen auf. Dabei können verschiedene Geschäfts-modelle der Netzbetreiber genutzt werden, die sich anhand ihrer Qualitäts-merkmale unterscheiden lassen. Grundsätzlich ergeben sich durch das Nebenein-ander von PSTN, NGN und öffentlichem Internet folgende Möglichkeiten (siehe Bild 1):

1. Interconnection zwischen traditionellem PSTN-Netz und Best Effort-Internet-IP-Netz,

2. Interconnection auf der Basis von Best Effort zwischen Internet-IP-Netzen,

3. Interconnection zwischen einem Best- Effort-Internet-IP-Netz und einem NGN mit garantierter Qualität (Managed Quality),

4. Interconnection zwischen PSTN-Netz und einem NGN mit garantierter Qualität (Managed Quality),

5. Interconnection zwischen zwei NGNs mit garantierter Qualität (Managed Quality).

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Im Mittelpunkt der regulatorischen Diskussion steht insbesondere der letztgenannte Fall, der durch die Migration zu NGN in Zukunft zum Standard wird. Sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene müssen dabei detaillierte Vorgaben zur Ausgestaltung zukünftiger Zusammenschaltungsbeziehungen vorgegeben werden. Folgende Fragen müssen unter anderem beantwortet werden:
 

- Welche Rolle spielt QoS bei der Definition von Interconnection-Leistungen?

 - Welche Interconnection-Leistungen müssen angeboten werden?

 - Wie sollen Interconnection-Beziehungen kommerziell ausgestaltet werden?

 - Wie können Arbitrage-potenziale durch das Nebeneinander verschiedener Interconnection Beziehungen minimiert werden?

 - Wie sieht das Netzkonzept im NGN aus?

 - Wie viele Zusammenschaltungspunkte sind auf welchen Netzebenen notwendig?

 - Gibt es im NGN, ähnlich wie im PSTN, Regeln zum Routing von Verkehr, Verbote bestimmter technisch möglicher Interconnection-Leistungen (Double Transit Origination) oder eine Mindestzahl von Zusammenschaltungspunkten?

 - Wie sieht ein sinnvolles Konzept zur Netzneutralität aus?

Schon bei den grundlegenden Fragen bestehen derzeit sehr unterschiedliche Ansätze. Während Netzbetreiber etwa an dem bisherigen CPNP-Prinzip festhalten möchten, befürworten beispielsweise Studien des deutschen Regulierers BNetzA mittelbis langfristig einen Übergang zum Bill and Keep (B&K)-Prinzip – also den schlichten Wegfall der kommerziellen Interconnection-Beziehungen.

Quality of Service als Schlüsselfaktor

Bei der Definition von Interconnection-Produkten im NGN spielen Quality of Service (QoS), eine garantierte Ende-zu-Ende-Qualität, eine wichtige Rolle. Ein vorher bestimmtes Maß an Qualität bildet die Grundlage für neue Produkte und Dienste und eröffnet Netzbetreibern die Chance für Wettbewerbsvorteile. Denn in der Best-Effort-Internetwelt wird zwischen kommerziell hochwertigen Diensten, beispiels-weise Sprache oder IPTV, und kommerziell geringwertigen Diensten wie Downloads oder Filesharing nicht differenziert. Dadurch kommt es an Engstellen im Netz („Bottlenecks“) zu einem Wettbewerb um Netzressourcen. Weil im Internet überwiegend geringwertige Dienste dominieren, lassen sich notwendige Qualitätsanforderungen teilweise nicht einhalten. Im Extremfall werden kommerziell lukrative Dienste verdrängt („Crowding-Out“-Effekt). Erst die Möglichkeit, höherwertige Dienste mit einer garantierten QoS anzubieten, erlaubt ihre Vermarktung.Darüber hinaus zeigt eine Detecon-Studie, dass es bei den bisherigen Flat-Rate-Paketen der Netzbetreiber zu einer beträchtlichen Subventionierung der „Heavy User“ kommt. Sechs Prozent der Anwender nutzen etwa 65 Prozent der zur Verfügung stehenden Bandbreiten (siehe Bild 2).

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Sinnvoll wäre eine Unterteilung in Dienstklassen, die Angebote gemäß dem jeweiligen Nutzungsverhalten gestalten. Dabei bieten sich die vier Dienstklassen Echtzeitdienste, Streamingdienste, Datendienste und Best-Effort-Dienste an. Ihr Unterschied besteht in den verschiedenen Qualitätsparametern wie etwa der Latenzzeit (die Verzögerung der Ende-zu-Ende-Übertragung), Jitter (die Abweichung der Latenzzeit von ihrem Mittelwert) oder der Paketverlustrate. Für Echtzeitdienste spielen diese Parameter eine entscheidende Rolle, denn die verspätete Ankunft von Paketen beeinträchtigt den gesamten Dienst. Streaming- und Datendienste sind hier weniger anfällig, da sie eine gewisse Verzögerung tolerieren. Best-Effort-Dienste kommen demgegenüber ohne Festlegung von Qualitätsparametern aus, ohne dass dies die Mehrzahl dieser Dienste einschränkt. Für die Definition von Interconnection-Diensten sollten sich Netzbetreiber auf Qualitätsklassen und -parameter festlegen. Nur so können sie Endkundenprodukte und -dienste netzübergreifend anbieten. Aber reicht zur Implementierung von QoS nicht vielleicht auch das Internet? Ist wirklich ein NGN, also ein IP-basiertes Netz eines Netzbetreibers mit Managed Routing und Managed Quality, notwendig notwendig? Die Antwort lautet: Ja! Denn über das bisherige Internet kann durch Überdimensionierung des Netzes zwar QoS bei allen Diensten angeboten werden, allerdings wäre Qualität auch in diesem Fall weder garantiert noch aufgrund der Überkapazitäten ökonomisch effizient. Wird demgegenüber einem Dienst Übertragungskapazität exklusiv reserviert, garantiert das zwar die Qualität, die Verbindung kann aber nicht gleichzeitig für andere Dienste genutzt werden – selbst wenn zeitweise kein Verkehr stattfindet. Im Unterschied zu MPLS im Transportnetz bietet das NGN eine Ende- zu-Ende-Qualität durch Priorisierung von Klassen auch auf höheren Netzebenen an, was sowohl bestimmte Qualitäts-anforderungen von Diensten erfüllt als auch das Netz weiterhin flexibel nutzbar macht. Diese Möglichkeit sollten Wholesale-Carrier nutzen und den Aspekt der Managed Quality zum zentralen Definitionsmerkmal für entsprechende Interconnection-Geschäftsmodelle erheben.

Interconnection-Geschäftsmodelle in NGN

Ein erstes Geschäftsmodell stellt der Ersatz der bisherigen PSTN-Sprachtelefonie durch ein QoS-Voice over Internet dar. Dies setzt sich qualitätsmäßig vom bisher bekannten Best Effort Voice over Internet (Skype) dahingehend ab, dass die Sprachqualität auch bei sehr hohem Verkehr dem PSTN gleichkommt. Dafür müssen die gleichen Qualitätsparameter in verschiedenen Netzen gelten, wobei das schwächste Glied den Standard setzt. Eine wichtige Aufgabe der Industrie ist es, zu einer gemeinsamen Definition von Minimum-Parametern zu kommen. Diese Parameter sollten den verschiedenen Geschäftsmodellen entsprechen. Ein solcher Dienst kann nur dann angeboten werden, wenn alle Netzbetreiber ein Entgelt für die Qualitätsgarantie erhalten. Wie im bekannten PSTN-Netz würde ein Entgelt an dasjenige Netz fließen, welches das Gespräch weitertransportiert und dabei die festgelegten Standards einhält. Das gleiche gilt im Wholesale-Bereich für den Datenverkehr zumindest für QoS basierteProdukte. Für Best Effort ändert sich nichts. Die detaillierte Ausgestaltung von Interconnection Beziehungen stellt eines der komplexesten Felder im Bereich der Telekommunikation und verbindet technische, rechtliche und kommerzielle Aspekte. Die Migration zu NGN führt auch zu einer Vereinfachung der Netzstruktur, was eine Umgestaltung der Netzknoten-punkte, der Änderung der Anzahl der Netzhierarchieebenen und der geografischen Zusammenschaltungspunkte nach sich zieht. Insbesondere auf der untersten Netzebene reduzieren sich die Zusammenschaltungspunkte. Die genaue Anzahl und Netzkomponenten hängen vom zukünftigen Netzaufbau der Zusammen-schaltungspartner ab. Änderungen am Netzkonzept rufen dabei wiederum eine Diskussion über versunkene Investitionen der Interconnection-Partner und entsprechende Kompensationsforderungen hervor. Darüber hinaus müssen Netzbetreiber neue Routing-Regeln definieren und andere Interconnection- Regeln aus der PSTN-Welt in die NGN-Welt übertragen. Beispielsweise verlangte die Erlang-Regel, dass neue Interconnection-Kapazitäten aufgebaut werden müssen, sobald der Verkehr auf einem Zusammenschaltungspunkt einen bestimmten Erlang-Wert überschreitet.
Ebenso müssen Regeln wie das „Double Transit“-Originierungsverbot oder die vorgeschriebene Mindestanzahl Zusammenschaltungspunkte sinnvoll in die NGN-Welt übertragen werden. Die derzeit definierten Interconnection-Produkte local, single und double transit werden vermutlich durch ein konvergentes Transport-produkt mit QoS ersetzt werden. Darüber hinaus müssen neue Produkte auf der Transport-, der Kontroll- und der Dienstebene definiert werden. Bisher verpflichtende Produkte wie Carrier Selection oder FRIACO werden vom Regulierer zurückgenommen. Die Migration des Interconnection-Referenz-angebotes in die NGN-Welt impliziert ein Nebeneinander alter PSTN und neuer NGN-Interconnection-Beziehungen. Hier sind Regeln notwendig. Ebenso ist ein Migrationspfad für Interconnection-Leistungen inklusive der physischen Interconnection-Punkte nötig. Dieser muss die Migration existierender Produkte, die Neuverhandlung von Verträgen und die Definition neuer NGN- basierter Interconnection-Leistungen umfassen.

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Calling Party Network Pays auf dem Vormarsch

Die Migration zu NGN hat für Wholesale-Anbieter massive Konsequenzen. Bisherige Produkte müssen komplett neu definiert und das Interconnection-und Endkunden-Service-Portfolio sinnvoll weiterentwickelt werden, da ansonsten mit einem massiven Einbruch der Umsätze zu rechnen ist. Gleichzeitig spielt IP Interconnect aus Sicht des Gesamtmarktes eine Schlüsselrolle für den Erfolg von NGNs. Die Berücksichtigung und Garantie von QoS über Netzgrenzen hinweg und die Errichtung eines QoS-unterstützenden Interconnection-Regimes sind dabei ausschlaggebende Faktoren. Mit der Implementierung von End-to-end-Qualitätsprodukten auf dem Vorleistungsmarkt können Netzbetreiber wichtige Weichen stellen, die funktionierende Geschäftsmodelle auch in der IPWelt sicherstellen. Große Aufmerksamkeit gilt zudem der Wahl zwischen B&K und CPNP. Auch wenn sich B&K mittel- bis langfristig in einem immer komplexeren Wholesale-Markt als Lösung herausstellen könnte, stellt sich in den nächsten Jahren CPNP vermutlich als das geeignetere Interconnection-Regime dar.

Dr. Markus Steingröver Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

Michael Frank Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe September/Oktober 07 des it fokus.

 
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